Vor einiger Zeit war im Gespräch, die Gefängnisinsel Alcatraz wieder zu eröffnen. Dorthin sollten „Amerikas gefährlichste und gewalttätigste Kriminelle“ gebracht werden. Das wurde schon einmal so gemacht. Werfen wir einen Blick zurück.
Alcatraz, San Francisco im Jahr 1953. Die Zellentür fällt lautstark ins Schloss. Während der komplett nackte Häftling noch versucht, sich in der stockfinsteren Zelle zurechtzufinden, tappt er mit einem Fuß in ein Loch im Fußboden. Ekel steigt in ihm auf, als ihm bewusst wird, wo er gerade reingetappt ist. Der Mann hatte soeben seine Toilette gefunden.
Eine fiktive Geschichte, allerdings eine, die sich genauso hätte zutragen können. Es war schon ein Albtraum, seine Zeit auf Alcatraz absitzen zu müssen. Aber wenn man sich nicht genau an die Regeln hielt, wurde es zur Hölle auf Erden.
Schlechte Zeiten
Zwischen 1920 und 1940 erlebten die Vereinigten Staaten von Amerika eine noch nie da gewesene Welle von Verbrechen. Die Prohibition und eine extreme Wirtschaftskrise (auch als die „große Depression“ bekannt) führten unter anderem zur steigende Gesetzlosigkeit. Gangsterbosse wie Al „Scarface“ Carpone und George „Machine Gun Kelly“ Barnes wurden von der Bevölkerung für Ihre Taten richtiggehend verehrt. Die Köpfe des organisierten Verbrechens mussten unverzüglich weggesperrt werden bevor die Situation überhand nahm. Da waren sich die Behörden einig.
Die nur knapp zwei Kilometer von San Francisco entfernte Insel schien eine gute Lösung zu sein. Alcatraz war schon seit 1853 als Militärgefängnis genutzt worden. Im Jahr 1934 wurde daraus ein Hochsicherheitsgefängnis. Unter anderem wurden Tränengaskanister in die Decke des Essensbereiches eingebaut, Wachtürme an strategisch wichtigen Positionen aufgestellt und einige Metalldetektoren am Ausgang des Speisesaals installiert. Von den insgesamt 600 Zellen grenzte keine einzige an eine Außenmauer. Bei einem Fluchtversuch mussten sich die Inhaftierten also nicht nur aus ihren Zellen befreien, sondern auch noch aus dem ganzen Gebäude entkommen.
Die 8,5 Hektar große Insel hatte schnell den Ruf inne, die Strafanstalt mit der strengsten Führung und den härtesten Bestrafungen zu sein. Und eine Flucht für die ausschließlich männlichen Insassen war aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen so gut wie ausgeschlossen. Die starke Meeresströmung in der Bucht von San Francisco machte den Traum von Freiheit dann vollkommen zunichte. „The Rock“, wie die Insel auch genannt wurde, war gefürchtet unter den Häftlingen.
Der Leiter der Anstalt hatte schon Erfahrung
James Aloysius Johnston leitete Alcatraz von August 1934 bis 1948. In San Quentin, seinem vorherigen Gefängnis, hatte er erfolgreich Weiterbildungsmaßnahmen und ein Belohnungssystem für Häftlinge mit guter Führung eingeführt.
Als ihm die Leitung von Alcatraz anvertraut wurde, stellte er gleich einige Regeln auf. So sollte kein Strafgefangener direkt vom Gericht in seine Obhut geschickt werden können. Allerdings war es anderen Gefängnissen möglich, ihre „unbelehrbaren“ Insassen auf die Insel zu schicken. So landeten Aufwiegler und Gefangene, die einen Fluchtversuch verübt hatten, in der berüchtigten Haftanstalt. Aber auch bekannte Inhaftierte wie Al Capone, die spezielle Privilegien aufgrund ihres Standes genossen, wurden auf „The Rock“ verlegt.
Auf Alcatraz läuft alles ein wenig anders
Als die ersten 200 Gefangenen im August 1934 ankamen, merkten sie schnell, dass hier alles etwas anders ablief. Es gab keine Sonderbehandlungen. Die Insassen mussten sich sogar das Recht auf Besuch erst verdienen. In den ersten drei Monaten wurde dies generell nicht gewährt. Auch danach war maximal ein Besuchstag pro Monat möglich. Briefe, egal ob vom oder ins Gefängnis, wurden gelesen, zensiert und nochmals per Schreibmaschine abgetippt. Arbeit war ein Privileg, das sich erst verdient werden musste. In den Zellen gab es nur die absolut überlebensnotwendige Grundausstattung.
Jeglicher Kontakt nach außen wurde den Inhaftieren untersagt. Den Insassen war es verboten, sich frei zu bewegen, sie kannten nicht einmal das ganze Gebäude. Die Männer wurden überall hin von Wachen begleitet. In den meisten Haftanstalten der damaligen Zeit war ein Justizbeamter für zwölf Gefangene zuständig. In Alcatraz waren es drei. Obwohl die Beamten somit ihre „Schützlinge“ gut im Blick behalten konnten, wurde dennoch täglich ganze zwölf Mal durchgezählt.
Der Tagesablauf war genau festgelegt. Nachdem die Insassen um halb sieben geweckt wurden, hatten sie eine knappe halbe Stunde, um sich fertigzumachen. Während dieser Zeit mussten sie die Zellen aufräumen und auf die erste Zählung des Tages vor ihren Unterkünften zu warten. Um 06:55 Uhr ging es in den Speisesaal zum Frühstück, selbstverständlich begleitet von den Gefängnisbeamten. Die Mahlzeit musste in maximal 20 Minuten beendet sein, denn dann war es an der Zeit, mit der Arbeit zu beginnen.
Der „Code of Silence“
Direktor Johnston war der Ansicht, absolute Stille im gesamten Zellentrakt würde die Insassen disziplinieren Jede nicht notwendige Unterhaltung wurde mit zehn Tagen Einzelhaft bestraft. Wie sich herausstellte, verursachten diese drastischen Maßnahmen aber andere Problemen. Es gab sehr viele Fälle, bei denen die immer währende Stille zu schweren psychischen Störungen führte. Dies ging bis hin zur Selbstverstümmelung. Der verurteilte Bankräuber Rufe Persful griff zu einer extremen Maßnahme. Aus dem verzweifelten Wunsch heraus, in ein anderes Gefängnis überstellt zu werden, schnitt er sich vier Finger seiner Hand ab. Kurz darauf wurde der gefürchtete „Code of Silence“ von Johnston schließlich gelockert.
Drastische Maßnahmen bei Regelverstoß
Für Insassen, die gegen die Regeln verstießen, gab es noch weitaus schlimmere Maßnahmen als Stille. Nur wenige Häftlinge sprachen darüber. Aber die wenigen, die über die Zustände hinter den Mauern der Insel berichteten, schilderten wahre Horrorstories. So erzählten sie von der sogenannten „Strip Cell“, in dem der Häftling sämtlicher peripherer Sinne beraubt wurde.
Konkret hieß das, dass dem Gefangenen zuerst alle Kleidung abgenommen wurde. Vollkommen nackt wurde er dann in eine komplett dunkle Zelle gesteckt. Es waren weder Waschbecken noch Toilette vorhanden. Dafür gab es ein kleines Loch im Boden; die Spülung für dieses mittelalterlich anmutende WC wurde vom Wärter bedient.
Der Insasse bekam nur eingeschränkt Nahrung durch ein kleines Gitter in der Zellentür. Für die Nacht erhielt der Gefangene eine Schlafmatratze, die im Morgengrauen wieder entfernt wurde. Zusätzlich führten die Beamten „disziplinarische Maßnahmen“ mit Gummischläuchen, Schlagringen oder auch Gürteln durch. Diese harte Strafe wurde für maximal für ein bis zwei Tage angewendet.
Das „Loch“ war besser
Weniger drastisch war das „Loch“. Diese Zellen hatten ein Waschbecken, Toilette und eine schwache Glühbirne. Auch hier wurde den Insassen tagsüber die Matratze weggenommen. In zermürbender Langeweile und Isolation mussten die Gefangenen bis zu 19 Tage ausharren. Bei guter Führung öffneten die Beamten ab und zu eine kleine Abdeckung der Außentür, um ein wenig Licht in die Zelle zu lassen.
In der normalen Einzelhaft befanden sich Insassen, die keine großen Regelverstöße begangen hatten. Sie durften einmal pro Woche an die frische Luft und zweimal wöchentlich duschen. Die Mahlzeiten wurden in die Zellen gebracht. Die Insassen hatten Aussicht auf das Festland, was von vielen als Bestrafung angesehen wurde. Die Freiheit lag so nah und war doch unerreichbar.
Vielleicht sollte man doch die Flucht wagen?
Eben dieser Anblick sorgte bei einigen Gefangenen dafür, über eine Flucht nachzudenken. In den knapp 30 Jahren, in denen Alcatraz als Gefangenenhaus diente, gab es 14 bekannte Fluchtversuche. Der erste, der das im April 1936 versuchte, war ein gewisser Joseph Bowers. Laut einer Recherche des ORF vom 12. Mai 2025 handelte es sich dabei aber um einen Mann namens Josef Ebner, einen Österreicher. Der Rohrbacher hatte, genau wie die anderen 33 Gefangenen, die einen Fluchtversuch gewagt hatten, keine Chance. Sie alle wurden entweder gefasst oder verloren ihr Leben in der starken Meeresströmung. Offiziell gibt es keine einzige bestätigte Flucht von der Gefängnisinsel.
Das Gefängnis wird geschlossen
Aufgrund der enormen Erhaltungskosten und des maroden baulichen Zustands wurde 1963 „The Rock“ schließlich von der Regierung stillgelegt. Das ständig an die Insel aus Sandstein peitschende Salzwasser hatte zum Ende der Gefängnisinsel geführt. Die Sanierung hätte sich mit geschätzt fünf Millionen Dollar zu Buche geschlagen. Am 21. März 1963 war es so weit: Das Gefängnis Alcatraz wird dichtgemacht.
Die Insel bleibt verlassen, bis sie 1969 von einigen Indigenen beansprucht wird. Die großen Pläne der Indianer, ein Bildungs- und Kulturzentrum für ihre Landsleute zu gründen, scheitern schließlich an dem Mangel an natürlichen Ressourcen auf Alcatraz. Alles musste per Boot herangeschafft werden, was logistisch gesehen ein teures und sehr aufwendiges Unterfangen war. Im Juni 1971 räumen Regierungsbeamte schließlich die Insel.
Seit 1972 ist Alcatraz offiziell ein Teil des Golden Gate Nationalen Erholungsgebietes. Gut ein Jahr später wurde es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jährlich wird von Millionen von Menschen die Möglichkeit genutzt, per Fähre auf die Gefängnisinsel fahren und sich dort selbst ein Bild von dem Gefangenenhaus zu machen.
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Quellenangaben:
https://www.alcatrazhistory.com/
http://www.crimemagazine.com/alcatraz-rigid-and-unusual-punishment
https://ooe.orf.at/stories/3304722/
Rules of Alcatraz (Regelwerk, das an alle Gefangenen ausgegeben wurde).
Fotocredits: Ingrid Müller


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