Showgirls, Leuchtreklame, Roulettetische – so kennt man Las Vegas. Für die einen ein Mekka für Glücksspiel und Spaß, für die anderen die Endstation ihres Lebens. Ein Blick hinter die Kulissen von Sin City.
Über eine halbe Million Menschen nennen Las Vegas im Bundesstaat Nevada ihr zuhause. Vor 1930 war Glückspiel auch in den USA illegal, aber mit der Legalisierung wurde die Stadt schnell zum florierenden Zentrum einer ganzen Industrie. Zuerst waren es nur einfache Spielbanken, die Besucher in die Wüste locken sollten. Heute jedoch ist die Stadt geprägt von gigantischen Hotels und mehr als fünfzig Hochzeitskapellen.
Ein wenig Geschichte
Als der Mexikaner Rafael Riveria 1829 eine Alternativroute des „Spanish Trails“ nach Los Angeles sucht, staunt er nicht schlecht. Da gibt es mitten in der Wüste von Nevada eine Wasserquelle, sogar mit Vegetation. Eine willkommene Entdeckung in der sonst so kargen Gegend. Riveria gibt der Stelle den Namen „Las Vegas“ („Die Auen“). Etwa 25 Jahre danach siedelten sich einige Mormonen im Auftrag ihres Propheten Brigham Young an. Aufgrund von Missernten und interner Streitigkeiten brachen aber ihre Zelte nur zwei Jahre später wieder ab. Dank der Wasserquelle wurde Las Vegas ein wichtiger Zwischenstopp für Reisende (in Wagentrecks als auch per Eisenbahn) und dadurch immer populärer. Offiziell gegründet wurde die Stadt dann schließlich im Mai 1905.
Als 1931 das Glückspiel legalisiert wurde und der Bau des Hoover Damms in der Nähe viele Leute nach Vegas brachte, begann der rasante Aufstieg der Wüstenstadt. 1941 eröffnete mit dem „El Rancho Vegas“ das erste Hotel. Mobster Bugsy Siegel schloss sich 1945 mit mehreren Partnern zusammen und kaufte mit dem Hotel „El Cortez“ das erste Luxushotel mit angeschlossenem Casino. Siegel wollte mehr und begann mit dem Bau des Hotels „Flamingo“. Das Projekt war mit Baukosten von 1,6 Millionen veranschlagt, kostete schlussendlich jedoch sechs Millionen Dollar. Finanziert worden war das Hotel mit Geld der Mafia in Chicago und New York und aus anderen Quellen. Nur ein halbes Jahr nach Eröffnung wurde Siegel in Los Angeles Opfer eines tödlichen Anschlags.
In den 1950ern gab es in der Nähe in der Wüste Atombombentests. Das bescherte der Stadt viele neugierige Gäste, die die Übungen gespannt aus vermeintlich sicherer Entfernung beobachten wollten. Es war aber auch die Glanzzeit der Mafia. Die Casinos boomten und es wurden dem Publikum immer öfter Auftritte von Showgrößen wie Frank Sinatra, Dean Martin und anderen geboten. Die üppigen Gewinne der Casinos wurden abgeschöpft, bevor sie versteuert wurden. Sie finanzierten das Leben der Männer im Hintergrund, die sich meist in Chicago oder anderen amerikanischen Großstädten aufhielten. Es wird auch immer wieder über die Verbindung von Showgrößen wie Frank Sinatra zur Cosa Nostra spekuliert, allerdings gibt es dafür keine Beweise.
Las Vegas wurde von Verbrecher Syndikaten zur „Offenen Stadt“ erklärt. Somit hatte nicht eine einzelne „Familie“ das Sagen. Hier konnte jeder seine Geschäfte tätigen, was auch voll ausgenutzt wurde. Mitglieder der Mafia von New York, Los Angeles, Miami, Chicago, Cleveland und anderen Verbänden waren in der Stadt aktiv. Dabei waren sie nicht wählerisch: Schutzgelderpressung, Korruption, Wirtschaftskriminalität – all diese Delikte waren vertreten.
Ein Milliardär verändert alles
Die Ankunft des Filmproduzenten Howard Huges änderte Las Vegas nachhaltig. Er kaufte erst das „Desert Inn“, in dem er abgestiegen war. Als er merkte, wie profitabel dieses Business war, erwarb er weitere fünf Hotels. Als er sein Eigentum um den Flughafen und viel ungenutztes Bauland erweiterte, verdrängte er die Mafia schließlich weitestgehend aus der Stadt. Kaum waren die Mobster weg, erschütterte eine andere Katastrophe die Metropole. 1980 brannte das 26-stöckige „MGM-Hotel“, damals das größte Hotel der Welt, komplett ab. Insgesamt 87 Menschen starben bei dieser Tragödie, mehr als 700 wurden verletzt.
Mit der eröffnung des „Mirage“ im Jahr 1989 ging es wieder aufwärts. In dem Luxushotel traten die Magier Siegfried und Roy mit ihren weißen Tigern auf, was sich zu einem richtigen Touristenmagneten entwickelte. Mit dem Convention Center eröffnete die weltgrößte Messehalle und lockte Aussteller und Geschäftsleute aus der ganzen Welt in die Stadt.
Seit den 2000ern versucht die Stadt, ihr Image zu ändern. Es wird mehr Geld in die Verbrechensaufklärung gesteckt. Freizeitaktivitäten sollen Las Vegas für Familien attraktiver machen. Eine Tragödie erschüttert am 1. Oktober 2017 die Wüstenstadt. Bei einem Erntefest (Route 91 Harvest 58) wurden von einem Schützen mehr als 50 Menschen erschossen. Es gab mehrere Hundert Verletzte. Der Attentäter hatte sich im „Mandalay“ Hotel verschanzt und mit einer Maschinenpistole das Feuer auf das Publikum eröffnet.
Man muss den Leuten immer etwas Neues bieten
Attraktionen wie der „High Roller“, das zweitgrößte Riesenrad der Welt sowie die 2023 eröffnete „Sphere“ sorgen dafür, das Las Vegas für Touristen attraktiv bleibt. Bei der Sphere handelt es sich um ein riesiges kugelförmiges Mehrzweckgebäude, das komplett mit LEDs bedeckt ist. Auf diesem neuen Wahrzeichen mit einem Durchmesser von 157 Meter können Werbebotschaften oder andere Animationen problemlos für ein großes Publikum bereitgestellt werden.
Auch wenn die Stadt vom Glückspielimage wegwill, das Aussehen der Metropole ist geprägt von Hotels. Aufgrund der großen Konkurrenz überbieten sich die Hotels ständig, was Luxus, Prunk und Annehmlichkeiten betrifft. Das schlägt sich auch in den Baukosten nieder. Der Bau des „Venetian“ kostete beispielsweise 1,6 Milliarden Dollar, das „Wynn“ kam schon auf 2,7 Milliarden. Die Gäste sollen verwöhnt werden, daher gehört ein üppiger grüner Rasen und beeindruckende Springbrunnen wie etwa beim „Bellagio“ Hotel einfach dazu.
Das ist allerdings in einer Wüstenstadt gar nicht so einfach. Die Bewohner der Stadt werden unter Strafe angehalten, den ihren behördlich zugeordneten Wasserverbrauch nicht zu überschreiten. Daher sieht man außerhalb des Strips auch Kontrolleure, die sogenannten „Waste Water Investigators“, ihre Runden drehen. Ob solch strenge Regeln auch für Hotels gelten, ist nicht bekannt.
In Vegas „erfährt“ man, wie sich Maulwürfe fühlen
Eine Besonderheit der Stadt ist der öffentliche Nahverkehr. Dabei setzt die Stadt auf Busse und seit 2004 auf die Monorail. Die Einschienenbahn verkehrt alle vier Minuten, jedoch nur zwischen wenigen Hotels entlang des Las Vegas Strip. Um eine Anbindung des Flughafens an die Hotels zu erreichen, hat der Tech-Milliardär Elon Musk eine Lösung angeboten. In unterirdische Tunneln sind seine Elektroautos mit Passagieren unterwegs. Das Netzwerk ist gerade im Aufbau, man kann jedoch jetzt schon von einigen Hotels zum Flughafen fahren. Dabei fährt der Wagen durch ein Tunnelsystem, das ständig von Kameras überwacht wird. Obwohl die Autos autonom fahren können, ist aus versicherungstechnischen Gründen immer ein Fahrer mit dabei.
Ein Großteil der Anwohner setzt doch lieber auf das eigene Auto. Damit die vielen Touristen trotz starken Verkehrs sicher und schnell durch die Stadt kommen, gibt es insgesamt 15 Fußgängerbrücken. Diese sind mit Rolltreppen und Aufzügen ausgestattet. Seit 2024 ist es den Benutzern allerdings per Gefängnisstrafe verboten, im Umkreis von sechs Metern um die Rolltreppen/Aufzüge stehen zu bleiben und Fotos von der Stadt zu machen. Auch das Stoppen, um einen Auftritt eines Straßenkünstlers anzusehen, bildet da keine Ausnahme. Die Stadt begründet diesen Schritt damit, so einen „Stau auf der Fußgängerbrücke“ vermeiden zu wollen.
Die dunkle Seite von Vegas
So schön und beeindruckend die Stadt bei Nacht ist, sie hat durchaus auch ihre Schattenseiten. Der Großteil der Besucher kommt nach wie vor für den Kick beim Glückspiel. Es gibt aber für einige auch einen anderen Grund. Immer wieder kommt es in den Hotels zu „kalten Abreisen“. Dieser Begriff wird verwendet, wenn ein Hotelgast im Haus verstirbt. Das kommt in Las Vegas häufig vor und ein Teil davon ist nicht natürlichen Ursachen zuzuschreiben. Selbstmord-Tourismus.
Ein Wachmann eines großen Hotels erzählt im Interview, dass „Leute in Vegas oft ihrem Leben ein Ende setzen“. Das machen sie großteils nicht aus Verzweiflung, weil sie Spielschulden haben. Sie kommen gezielt dafür in die Stadt. „Meist haben sie eine schlimme ärztliche Diagnose bekommen“, meint er. Dann wollen die Leute selbst über ihre letzten Stunden bestimmen. „Aber vor allem wollen sie den Verwandten den Anblick ersparen“.
TW: Suizid!!
Erst vor kurzem habe sich ein Mann in der Dusche die Pulsadern aufgeschnitten. Er konnte rechtzeitig gerettet werden, aber auch nur durch einen Zufall. Durch den Blutverlust war er ohnmächtig geworden und auf den Abfluss gefallen. Das blutige Wasser lief aus seinem Zimmer auf den Hotelflur. Andere Gäste haben dann Alarm geschlagen.
Genaue Statistiken, wie viele Selbstmorde von Touristen es in der Stadt der Sünde gibt, sind nicht verfügbar. Allerdings gab ein Arzt im Clark County Leichenschauhaus an, dass die Todesursache von 1100 verstorbenen Touristen der Stadt in 15 % Suizid war. Das ergibt etwa 160 Selbstmorde in einem Jahr (2023). Es laufen diesbezüglich auch schon Programme, in denen das Hotelpersonal für besseren Umgang mit psychisch labilen Gästen geschult wird. Ob das allerdings einen Menschen, der extra dafür in das Hotel gekommen ist, von seiner Tat abhalten kann?
Roulette und Blackjack fordern auch ihre Opfer
Aber die Stadt hat noch mit anderen Problemen zu kämpfen. Wie etwa der Glücksspielsucht. Mit einem Prozentsatz von 6,40 % liegt der Anteil der Spielsüchtigen in Clark County doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. Spielsucht und die Folgen wie soziale Isolation, Geldprobleme bis hin zu Konflikten mit dem Gesetz (Beschaffungskriminalität) können zu Verzweiflungstaten führen. Die Zahl der mit Spielsucht in Zusammenhang stehenden Selbstmorde ist in Nevada neun Mal so hoch wie im Rest des Landes. (Stand: Februar 2025)
Was tut nun Las Vegas, um ihren Bürgern, den Familien und der Gemeinschaft generell zu helfen? Ähnlich wie bei den anonymen Alkoholikern gibt es eine Selbsthilfegruppe. Die „Gamblers Anonymous of Southern Nevada“. Etwas allgemeiner gehalten ist das 12-Schritte-Programm einer christlichen Kirche in der Stadt. Es richtet sich an alle Abhängigen (Drogen, Glückspiel, Essstörungen, Sexsucht..). Die Organisation „Gam-Anon“ hat sich auf die Unterstützung von Familie und Freunden von Glücksspielsüchtigen konzentriert.
Das versteckte Problem
Man sieht sie nur frühmorgens. Sie liegen auf dünnen Kartons, zusammengerollt, um ihre paar Habseligkeiten zu schützen. Obdachlosigkeit ist ein Problem, das die Stadt gerne verstecken möchte. Es macht sich nicht gut gegenüber den Spaßtouristen, die hier für einen Milliardenumsatz sorgen. Den Großteil der Obdachlosen bekommt man aber als Besucher nicht zu Gesicht. Denn die meisten dieser etwa 1500 Menschen hausen in Tunneln. Eigentlich sind sie dafür da, das Wasser bei Starkregen aus der Stadt zu leiten. Aber sie sind inzwischen zu einem Unterschlupf für Menschen geworden, die sonst nirgends mehr hinkönnen.
Das Leben in den Tunneln ist gefährlich. Bei Regen stehen sie innerhalb von Minuten unter Wasser. Mehrere Menschen sind dort schon ertrunken. Wer jetzt denkt, diese Zufluchtsorte lägen irgendwo außerhalb der Stadt, der irrt. Fünf Tunnel gibt es insgesamt, sie beginnen zwischen dem berühmten „Cesars Palace“ und dem „Rio“ Hotel am Strip. Um den Leuten dort zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen, gibt es die „Shine a Light“ Organisation. Geleitet wird sie von einem Ex-Drogensüchtigen, der selbst jahrelang in den Tunneln existiert hat. Denn „leben“ kann man das nicht nennen.
Die Stadt Las Vegas versucht den Menschen durch ein „Courtyard Homeless Resource Center“ zu helfen. Es ist immer geöffnet und bietet neben medizinischer Hilfe auch Wohnungs- und Arbeitsvermittlung an. Dadurch soll der Teufelskreis der Obdachlosigkeit durchbrochen werden.
Las Vegas ist eine Stadt voller Geschichten. Man sollte sie nicht nur auf Leuchtreklamen und Spieltische minimieren. Auch wenn die Stadt wie alle Großstädte Probleme hat, so ist sie doch einen Besuch wert. Und das nicht nur, um zu spielen oder zu heiraten.
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Quellen:
https://www.projectworthnv.org/wp-content/uploads/2025/02/25NHD009_Nevada-Leads-Report_Digital.pdf
https://www.ranker.com/list/how-mormons-built-las-vegas/philgibbons
https://elcortezhotelcasino.com/about-us/timeline/
https://www.britannica.com/biography/Bugsy-Siegel
https://themobmuseum.org/exhibits/open-city/
https://www.uamr.de/war-frank-sinatra-teil-der-mafia/
https://www.boringcompany.com/vegas-loop
https://vegasnews.com/articles/gambling-addiction-las-vegas-help/
https://www.nzz.ch/english/the-misery-of-the-homeless-in-las-vegas-living-in-tunnels-ld.1708954
https://www.lasvegasnevada.gov/Residents/Resident-Services/Homeless-Services
Interview mit einem Wachmann des Hotel Blue Fountain, Las Vegas im Dezember 2025
Fotos: Urheber und Rechteinhaber: Ingrid Müller


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