North Sentinel Island ist seit 1996 Sperrgebiet. Niemand darf die Insel betreten oder sich ihr auch nur nähern. Warum? Es ist lebensgefährlich – sowohl für die Bewohner als auch die Besucher. Und das ist nicht übertrieben, wie einige Vorfälle in der Vergangenheit gezeigt haben.
Eigentlich ist es eine richtige Trauminsel: Breite Sandstrände ohne Menschenmaßen, hohe Palmen, die Schatten spenden und türkisblaues Meer. North Sentinel Island liegt im Andamanen-Archipel, ungefähr 1500 Kilometer östlich von Indien. Die Insel an sich ist mit gerade mal 56 Quadratkilometer groß. Dennoch hat fast jeder Nachrichtensender der Welt über sie berichtet. Was sie so interessant macht, sind ihre Bewohner. Die Sentinelesen sind das wohl isolierteste Volk der Welt.
Was man über den Stamm weiß
Man hat durchaus versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, aber das ging meist gründlich nach hinten los. Aber immerhin wurden dabei zumindest einige Details herausgefunden:
- Die Jäger und Sammler ernähren sich von Fischen, Früchten, Honig, aber auch von Wildschweinen.
- Sie erlegen die Tiere mit Pfeil und Bogen.
- Die Einwohner der Insel leben in Gruppen von vier bis fünf Leuten in Hütten, die mit Palmblättern bedeckt sind.
- Man fand noch warme Feuerstellen, sie wissen also auch, wie man Feuer macht.
- Man geht davon aus, dass sie vor mehr als 60.000 Jahren aus Afrika migriert sind.
Und man weiß vor allem: Sie wollen in Ruhe gelassen werden.
Das klappte leider nur bis 1771. In diesem Jahr haben Seefahrer an Bord eines East India Company Schiffes nämlich Feuer an der Küste von North Sentinel Island entdeckt. Sie haben ihre Entdeckung zwar gemeldet, aber das ging irgendwie unter. Genau wie knapp hundert Jahre später die Nineveh. Das Schiff lief 1867 auf eines der Korallenriffe auf, die es rund um die Insel gibt. Die Crew hat sich an den Strand gerettet und mehrere Tage auf Rettung gewartet. Dann bekamen sie Besuch von den Inselbewohnern und die waren nicht glücklich über die ungebetenen Gäste. Mit ganzen Pfeilsalven haben die Ureinwohner die Schiffsbesatzung angegriffen. Die Gestrandeten haben sich mit Stöcken und Steinen bestmöglich verteidigt und waren heilfroh, als sie kurz darauf von einem Schiff der Royal Navy gerettet wurden.
Wir entführen dich und du sagst allen, wie nett wir sind
Die Story von der Ninveh machte schnell die Runde und so wurde ein britischer Offizier im Jahr 1880 damit beauftragt, auf der Insel nach dem Rechten zu sehen. Maurice Vidal Portman kam mit einer kleinen Gruppe bewaffneter Männer auf North Sentinel Island. Er hatte eine interessante, aber wenig effektive Strategie zur Kontaktaufnahme: Er entführte sechs Bewohner (zwei ältere Sentinelesen und vier Kinder), um ihnen zu zeigen, dass Fremde nicht böse sind. Der Plan war, sie gut zu behandeln und später wieder zurückzubringen. Sie sollten den anderen Stammesmitgliedern erzählen, wie gut es ihnen bei den Fremden ergangen ist. Das hat nicht geklappt. Die Älteren wurden sehr schnell krank und starben innerhalb von einer Woche. Ihr Immunsystem kam mit all den unbekannten Keimen nicht zurecht. Die Kinder wurden daraufhin mit Geschenken überhäuft und wieder auf die Insel gebracht. Inklusive der fremden Keime, die wohl unter den Bewohnern eine Epidemie ausgelöst haben dürften.
1896 haben die Sentinelesen nochmals ihren Standpunkt klar gemacht, dass sie keinen Kontakt haben möchten. Auf der Nachbarinsel (Great Andaman Island) wurde ein toter indischer Staatsbürger hinduistischen Glaubens mit unzähligen Verletzungen von Pfeilen angespült. Laut dem verantwortlichen britischen Offizier MV Portman war ihm außerdem die Kehle durchschnitten worden.
Erster Kontaktversuch von Indien
Knapp ein Jahrhundert später beschloss Indien 1971, die erste anthropologische Studie über die Inselbewohner anzustoßen. Nach einigen Jahren der Vorbereitung war es schließlich so weit. Der Kontakt sollte hergestellt werden. Triloknath Pandit, der indische Minister für Stammesangelegenheiten und Anthropologe, machte sich mit 20 anderen auf den Weg. Mit im sprichwörtlichen Boot waren Mitglieder der Regierung, Wissenschaft und drei Angehörige des Onge-Stammes. Die Onge bewohnen die nahe gelegene Andamanen-Insel. T.N. Pandit hatte die Hoffnung, sie könnten vielleicht als Dolmetscher nützlich sein.
Als sie sich mit ihrem Boot näherten, haben sie tatsächlich einige Menschen durch ihre Ferngläser am Strand erkannt. Denen waren die Besucher aber nicht geheuer, sie verschwanden in den Dschungel, als das Boot immer weiter Richtung Strand kam. Die Forscher betraten die Insel und entdeckten neben Hinweisen auf Jagdaktivitäten auch, dass der Stamm auch mit Metall arbeitet. Außerdem fanden sie ein kleines Dorf, das aus 18 Hütten bestand. Die dazugehörigen Bewohner haben sie aber nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Etwas enttäuscht über den kontaktlosen Besuch kehrte Pandit noch einige Male auf die Insel zurück. Die Sentinelesen waren oft am Strand zu sehen. Manchmal blieben sie friedlich, aber es gab auch aggressives Verhalten. Als Pandit 1974 mit einem Team von National Geographic für einen Dokumentarfilm zur Insel kam, eskalierte die Situation. Pfeile flogen Richtung des Bootes und trafen ein Mitglied der Crew. Der Mann wurde von einem 2,40 Meter langen Geschoss am Oberschenkel erwischt. Der Kameramann des Films „Man in Search of Man“ erholte sich aber wieder von der Verletzung.
Dennoch versuchte Pandit immer wieder ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Er deponierte Geschenke in Form von Kokosnüssen, Werkzeugen aus Eisen oder auch Kochutensilien für die Inselbewohner. Zu den Töpfen passend ließ er auch einmal ein lebendes, gefesseltes Schwein am Strand zurück. Diese Geste wurde aber nicht verstanden: Das Schwein wurde mit Speeren getötet und im Sand vergraben.
Eine Schiffscrew erlebte die längsten elf Tage ihres Lebens
Anfang August 1981 kam es zu einem unbeabsichtigten Kontakt mit den Inselbewohnern. Die MV Primrose, ein Hongkonger Frachtschiff mit einigen Tonnen Hühnerfutter an Board, kam in den Gewässern nahe North Sentinel Island wegen eines Taifuns in Schwierigkeiten. Sie blieben ungefähr hundert Meter vor der Küste auf einem Korallenriff hängen. Genau wie bei der Nineveh Jahre zuvor gab es auch hier anfangs keine Probleme. Doch am zweiten Tag wurden die Einwohner auf die 33-köpfige Besatzung aufmerksam. Der taiwanesische Kapitän Liu Chunglong bemerkte eine große Gruppe bewaffneter Sentinelesen, die in Kanus stiegen, um zur Primrose zu gelangen. Sie scheiterten jedoch an der stürmischen See.
Obwohl sie unverzüglich einen Notruf absetzten, dauerte es ganze elf Tage, bevor die Besatzung tatsächlich per Helikopter gerettet wurden. Der US Amerikaner Robert Fore war der Pilot des Rettungsteams. Er erinnert sich, dass die Bergung schwierig war: Die vom Sturm noch aufgepeitschte See, die es den Inselbewohnern unmöglich machte, sie zu erreichen, machte auch eine Bergung per Schlauchboot unmöglich. Auch ein von der Marine geschickter Schlepper musste unverrichteter Dinge wieder umkehren. Die nach wie vor andauernden Pfeilattacken durch die Sentinelesen machte die Sache noch mal schwieriger. Schließlich gelang es Fore trotz der sechs Meter hohen Wellen, die gegen den Frachter peitschten, sicher an Deck zu landen. In drei Flügen brachte er die gesamte Crew inklusive dem Bordhund sicher in die nahe gelegene Stadt Port Blair. Die Primrose liegt noch immer dort, wie man auf Google Earth sehen kann.
Das Wrack in Küstennähe war ein willkommenes Geschenk für die Inselbewohner. Sie paddelten mit ihren Kanus raus und holten sich Metall vom Schiff, das sie zu Speerspitzen und Werkzeug umfunktionierten. Unbestätigten Meldungen zufolge sollen sie auch einiges von Board der Primrose bei Schrotthändlern gegen Früchte und Kokosnüsse eingetauscht haben. Trotz dieser Handelsbeziehungen kam es zu keinen weiterführenden Kontakten.
Erster freundschaftlicher Kontakt
Bis eine Frau das alles in die Hand nahm. Anfang 1991 stellte die indische Anthropologin Madhumala Chattopadhyay ein 13-köpfiges Team zusammen. Gemeinsam mit Forschern, Wissenschaftlern und weiteren Mitarbeitern machte sie sich auf, das Eis zu brechen. Mit von der Partie war auch Pandit. Es war das erste Mal, dass eine wissenschaftliche Crew unter Führung einer Frau die Insel betrat.
Am 4. Januar brach sie mit dem Schiff MV Tarmugli auf und ankerte im südwestlichen Teil von North Sentinel Island. Um acht Uhr morgens stieg sie mit den Anderen in ein kleines Boot und segelte in Richtung der Insel. Als sie näher kamen, erkannten sie Menschen an der Küste, die sich jedoch hinter Bäumen versteckten. Der Großteil war männlich, vier davon sogar mit Pfeil und Bogen bewaffnet.
Die Bootscrew begann, die mitgebrachten Kokosnüsse in Richtung Strand treiben zu lassen. Es funktionierte! Die Inselbewohner kamen hervor und wateten ins Meer, um sich die Geschenke zu holen. Als die Forscher immer mehr der Leckereien schickten, organisierten sie sogar Kanus und selbstgeflochtene Körbe, um sie aus dem Wasser zu fischen. Frauen und Kinder blieben aber zu Sicherheit in sicherer Entfernung am Stand.
Mehr Kokosnüsse!
Vier Stunden dauerte diese Aktion, dann war der Vorrat an Kokosnüssen erschöpft. Da die Forscher merkten, dass langsam Vertrauen aufgebaut wurde, holten sie Nachschub vom Schiff. Als das Boot um 14 Uhr voll beladen wieder zur Insel fuhr, begrüßte sie der Stamm mit den Rufen „Nariyali Jaba Jaba“. Chattopadhyay erkannte darin einen fast ausgestorbenen Onge-Dialekt: „Mehr und mehr Kokosnüsse“
Die Stammesmitglieder wurden immer mutiger und ein junger Sentinelese kam sogar durch das flache Wasser zum Boot und berührte es mit seinen Händen. Einige andere machten dasselbe und so holten sie sich schließlich die Kokosnüsse direkt von der Quelle. Genau in diesem Moment der aufkeimenden Hoffnung erhob ein junges Stammesmitglied am Strand Pfeil und Bogen. Er zielte genau auf die indische Anthropologin. Sie war jedoch nicht ängstlich und gestikulierte, er solle sich doch auch eine Ration Kokosnüsse holen. Davon unbeeindruckt spannte der Schütze seinen Bogen. Genau in dem Moment gab ihm eine nebenan stehende Frau einen Schubser und der abgeschossene Pfeil landete wirkungslos im Meer. Sie wollte offensichtlich die Gönner vor Schaden bewahren. Dies war der Moment, wo die Forscherin alles auf eine Karte setzte. Sie sprang ins Wasser und übergab ihnen die Kokosnüsse nun direkt.
Anscheinend sahen die Sentinelesen die weibliche Forscherin als Zeichen, dass von den Fremden keine Bedrohung ausging. Die Fotos der Stammesmitglieder mit Chattopadhyay und ihrem Team gingen um die Welt. Dadurch hat sich die Meinung zu den Inselbewohnern drastisch verändert. Sie wurden zuvor gewalttätig und aggressiv gesehen, aber durch die Bilder der Begegnung trat ihre menschliche Seite in den Vordergrund. Eine Welle der Sympathie schwappte über die Sentinelesen. Die Anthropologin kehrte nach 1 1/2 Monaten nochmals mit einer anderen Crew zu North Sentinel Island zurück. Der Stamm erinnerte sie an sie und empfing sie enthusiastisch. Die Einwohner kletterten sogar in ihr Boot, um sich einige der mitgebrachten Kokosnüsse zu holen. Es kam kein einziger Pfeil zum Einsatz.
North Sentinel Island wird Sperrgebiet
Trotz diesen vielversprechenden Erfolges beschloss die indische Regierung im Jahr 1996, den Kontakt mit dem Volk zu untersagen. Mit dieser Entscheidung wollte man das Volk vor gefährlichen Krankheiten schützen und auch ihre kulturelle Entwicklung sollte nicht beeinflusst werden. Es wurde eine Sperrzone von fünf Seemeilen rund um North Sentinel Island errichtet. Diese wird durch regelmäßige Fahrten der Küstenwache kontrolliert.
Als im Jahr 2004 ein Helikopter der indischen Regierung im Tiefflug über die Insel kreiste, waren die Erfolge von Chattopadhyay und ihrem Team vergessen. Die Sentinelesen versuchten, den eisernen Vogel mit Pfeil und Bogen abzuschießen. Die Crew wollte damals herausfinden, ob der Stamm den kürzlich aufgetretenen Tsunami gut überstanden hatte.
Das Volk findet keine Ruhe
Zwei Jahre später kamen die zwei Inder Sunder Raj (48) und Pandit Tiwari (52) der Insel zu nah. Die beiden Fischer haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Über den Grund ihres verbotenen Ausflugs über die Sperrzone hinweg gibt es unterschiedliche Aussagen. Während einige Quellen von illegalem Sammeln von Schlammkrabben schreiben, spekulieren andere, dass die beiden von Palmwein betrunken waren und ihr Boot zur Insel getrieben sei, während sie schliefen. Als die beiden Männer im Januar 2006 nicht mehr nach Hause kamen, machte sich ein Hubschrauber der indischen Küstenwache auf die Suche. Die Crew sah die toten Körper am Strand von Sentinel Island liegen. Geborgen werden konnten die Männer jedoch nicht, da der Stamm den Suchtrupp mit Pfeilen attackierte.
Der wohl aufsehenerregendste Kontakt fand 2018 statt. Ein 26-jährige US-Amerikaner sah sich berufen, die Einwohner der seiner Ansicht nach „letzten Bastion Satans“ zum christlichen Glauben zu bekehren. John Allen Chau bestach zwei Fischer mit gut 350 Dollar (25.000 Rupien), um mit ihrer Hilfe auf die abgesperrte Insel zu gelangen. Im November 2018 machte er den ersten Versuch: Die Fischer brachten ihn auf die Insel, er wurde jedoch schon bei der Anreise mit einer ganzen Salve an Pfeilen begrüßt. Laut einigen Quellen hat ihn dabei ein Pfeil an der Brust getroffen, der jedoch von der mitgebrachten Bibel abgefangen wurde.
Wer jetzt denkt, diese Erfahrung hätte ihn seinen Plan überdenken lassen, der irrt. Chau fuhr noch ein weiteres Mal, natürlich wieder ohne offizielle Genehmigung zur Insel. Dieser Besuch des jungen evangelischen Missionars Mitte November war jedoch sein letzter. Er wurde von den Pfeilen getötet. Seine Schleuser haben alles beobachtet und den indischen Behörden die Einzelheiten mitgeteilt. Unter anderem auch, dass die Sentinelesen seinen toten Körper aus dem Schlauchboot zum Strand transportiert haben.
Reise-Influencer betritt North Sentinel Island
Erst kürzlich hatte der 24-jährige Viktor Polyakow Glück, als er die Insel aufsuchte. Im April 2025 fuhr er mit einem Boot zur Insel und versuchte mit einer Pfeife auf sich aufmerksam zu machen. Laut seinen eigenen Aussagen hatte er jedoch keinen Kontakt mit dem Stamm. Er fuhr zum Strand, drehte ein kurzes Video, legte eine Kokosnuss und eine Dose Cola !! als Geschenk ab und fuhr wieder.
All diese Vorfälle haben dazu beigetragen, dass die Bewohner von North Sentinel Island als „wild, aggressiv und blutrünstig“ angesehen werden. Ob das wirklich so ist, kann wohl nur jemand beurteilen, der schon Kontakt mit dem Stamm hatte. Überlassen wir doch das letzte Wort Triloknath Pandit, der bereits mehrfach bei den Sentinelesen war. Seiner Erfahrung nach seien die Einwohner friedliebend und ihr schlechter, angsteinflößender Ruf sei nicht gerechtfertigt. „Wir sind die Aggressoren. Wir dringen in ihr Territorium ein“, erklärt er. Und fügt hinzu: „Wir sollten ihren Wunsch respektieren, dass sie allein gelassen werden möchten.“
Sind Sie auch genervt von immer wieder erscheinenden Pop-Up Werbungen? Damit das hier nicht passiert, ersuche ich um Ihre Unterstützung.
Quellen:
https://www.ladbible.com/news/fishermen-death-sentinelese-tribe-remote-island-924304-20241216
https://steemit.com/history/@observerplus/the-deadliest-islanders-of-the-andaman
https://www.bbc.com/news/world-asia-india-46350130
https://www.nationalgeographic.com/culture/article/north-sentinel-islanders-live-in-isolation
https://historicflix.com/the-history-of-north-sentinel-island/
https://juengerschaft.org/de/gedanken/zum-tod-des-27-jahrigen-missionars-john-allen-chau/
https://www.oe24.at/welt/us-urlauber-betritt-todesinsel-und-nichts-passiert/629118173
http://submitresponse.co.uk/weblog/2007/12/01/north-sentinel-rescue/
Fotocredits:
Pexels bei Pixabay (lizenz und gemeinfrei) – Titelbild
Lage von North Sentinel Island – Apple Maps
Schiffswrack der Primrose – Reddit r/shipwrecks (user deleted)
Bilder der ersten Kontaktaufnahme: Mysteriology.com
Bild von John Allen Chau – Facebook


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