Jedes Jahr findet im kanadischen Calgary das größte Freiluft-Rodeo Nordamerikas statt. Im Juli werden für zehn Tage die Sneakers gegen Cowboystiefel getauscht und man besucht das „Stampede“. Neben Rodeowettbewerben gibts auch einen Vergnügungspark, verschiedene Shows und einen Bereich, der ausschließlich den indigenen Völkern gewidmet ist. Natürlich finden abends auch Musikshows statt, bei denen schon so mancher Star aufgetreten ist.
Gemütlich schwebt man in seiner Gondel über die Köpfe der Besucher hinweg. In etwa fünf Meter Höhe kann man sich nach dem Eingang einen Überblick verschaffen. Unter den baumelnden Füßen stehen einige bei Fahrgeschäften an, andere klettern gerade in einen Panzer. Ja, auch das kanadische Militär ist hier vertreten.
Zwischen den militärischen Fahrzeugen erklären die weiß gekleideten Mitglieder einer Spezial-Kampftruppe die Vorgehensweise bei einem Einsatz. Wer Lust hat, kann ausprobieren, ob er denn den Eignungstest für eine Militär-Laufbahn schaffen würde. Das gleich nebenan Stände mit frittierten Marsriegeln und Eiscreme der Geschmacksrichtung „Butterbier“ stehen, ist allerdings schon etwas fies.
Essiggurkerlpizza und Hühnerfüße
Am Stempede findet wirklich jeder das passende Essen. Während bei einigen Foodstalls „normale“ Gerichte wie Hotdogs oder frittierte Zwiebeln angeboten werden, gibts durchaus auch exotischeres. Sehr angesagt sind Pickles, sprich Essiggurkerl. Neben Eis mit dieser Geschmacksrichtung kann man sich auch eine Pizza bestellen, die ausschließlich mit dieser Spezialität belegt ist. Da überlegt man durchaus, den frittierten Hühnerbeinen einen Stand weiter eine Chance zu geben.
Was wäre eine amerikanische Veranstaltung ohne Barbecue? Undenkbar. Daher gibt es mehr als fünf verschiedene Stände mit marinierten Rippchen und anderen Leckereien. Alle nebeneinander wohlgemerkt! Jeder Anbieter präsentiert Auszeichnungen und Pokale, um potenzielle Kunden anzulocken. Langjährige Besucher schlagen aber am späten Vormittag eine andere Richtung ein.
Gratisfrühstück!
Es ist ein offenes Geheimnis, das während des gesamten Festivals Frühstück für lau angeboten wird. Allerdings nicht immer direkt am Festgelände. Der Service rund um Pancakes, Ahornsirup und gebratene Würstchen wird von verschiedenen lokalen Organisationen angeboten. Es gibt sogar eine App, die aufführt, wo man sich umsonst stärken kann. Einfach nach dem „Stampede Free Breakfast Locator“ suchen.
Mit vollem Bauch kann man sich dann verschiedenste Veranstaltungen ansehen, die bereits im Eintrittspreis inkludiert sind. Vielleicht eine Aufführung der besten Marching Bands des Landes? Oder Traktor-Pulling? Hier ziehen Traktoren ein Gewicht quer durch eine Halle. Der Clou bei der Sache: Die Last wird umso schwerer, je weiter sie gezogen wird. Welches Gefährt schafft es am weitesten? Um bei der Klärung dieser Frage dabei zu sein, sollte man besser keine Atemwegsprobleme haben. Die Dieselabgase in der geschlossenen Halle sorgen gern mal für Hustenanfälle und gereizte Augen.
Rodeo - eine Kontroverse
Da tut ein wenig frische Luft beim Rodeo ganz gut. Diese Karten kosten extra, aber die wenigsten Besucher lassen sich dieses Spektakel entgehen. Vor Beginn der Show erhebt sich das ganze Stadium und legt die Hand aufs Herz. Dann wird mit Inbrunst die kanadische Nationalhymne gesungen (ohne Hüte!). Nachdem ein kurzes Feuerwerk abgeschossen wurde (deren Sinnhaftigkeit um 14 Uhr nachmittags dahin gestellt ist), geht es los.
Rodeo umfasst mehr als nur das Reiten auf einem Bullen. Bei einem Bewerb muss ein Kälbchen schnellstmöglich mit einem Lasso gefangen werden, bei einem anderen reitet man in hohem Tempo um aufgestellte Fässer. Geklärt wird außerdem, wer sich am längsten auf einem ungezähmten Pferd halten kann. Das wird mal mit und mal ohne Sattel gemacht. Und schlussendlich kommt die Königsdisziplin.
Der Teilnehmer setzt sich noch in der geschlossenen Holzbox auf den Stier. Die Tür geht auf und das Tier macht extrem bockige Bewegungen. Wer sich am längsten auf dem Rücken des Bullen halten kann, hat gewonnen. Wird ein Cowboy abgeworfen und der Stier kommt ihm zu nahe, kommen die Rodeoclowns zum Einsatz. Sie lenken das Tier ab, sodass der manchmal verletzte Reiter in Sicherheit gebracht werden kann.
Beim Rodeo scheiden sich die Geister. Befürworter sagen, die Tiere werden extra für diesen Zweck trainiert und es ist ihr natürlicher Reflex, das „Ding“ auf ihrem Rücken loswerden zu wollen. Tierschützer erklären, der Bulle wird durch einen Schmerzreiz mittels Sporten oder Einklemmen seiner Genitalien dazu gebracht, wild zu bocken. Tatsache ist, dass Bullenreiten in einigen Ländern (Niederlande, Großbritannien, auch Teile Brasiliens) aus Tierschutzgründen verboten ist. In Deutschland wird es aufgrund massiver Proteste von verschiedenen Organisationen nicht durchgeführt.
Ein spezieller Abschnitt für die „First Nations“
Das Stampede hat noch mehr zu bieten. In einem großen Areal finden sich viele Zelte von amerikanischen Ureinwohnern. Dort erklären sie den Besuchern ihre Kultur und tragen damit dazu bei, Missverständnisse aufzuklären. Jeden Tag finden hier zwei Rituale statt. Mittags wird unter Trommeln und Gesang das „Fahnen-Aufzieh-Ritual“ durchgeführt. Dabei bewegen sich die Stammesältesten im Rhythmus der Trommelschläge um den Fahnenmast, während die Fahne von zwei anwesenden Mounties gehisst wird. Abends wird die Flagge dann wieder gesenkt.
Außerdem gibt es verschiedene Wettbewerbe, bei denen sich die Indigenen untereinander messen. Sehr beliebt ist der „Fleischschneide-Contest“. Wer kann das Stück Fleisch am dünnsten schneiden, sodass es aber ohne Löcher ist? Die Frauen der verschiedenen Stämme nehmen diese Aufgabe sehr ernst und sind sehr stolz, wenn sie den Sieg für ihr Volk errungen haben.
Abschließend noch einige Fakten zum Stampede
- Das erste richtige Stampede fand 1912 statt.
- Die älteste Show (Heavy Horse Show) am Gelände findet seit 1886 statt. Damals war es noch eine Landwirtschaftsmesse.
- Die Cowboys teilen sich ein Gesamtpreisgeld von 2,17 Million Dollar beim Rodeo
- Zwei Millionen Mini Donuts werden jedes Jahr hier verspeist
- Die Geburtenrate in Calgary erreicht neun Monate nach Stampede ihren Jahreshöchststand
- Einige der bekanntesten Künstler, die (für das Publikum gratis) bei Stampede aufgetreten sind: Taylor Swift, Rod Steward, Coldplay, Katy Perry und No Doubt.
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Quellen:
https://www.calgarystampede.com/
https://www.liveabout.com/how-to-make-bulls-buck-2901590
https://www.peta.de/themen/rodeo/
https://wilder-westen.org/news/rodeo-tierquaelerei/
https://culturalquirks.com/2012/04/10/100-facts-about-the-greatest-outdoor-show-on-earth/
Eigene Erfahrung beim Besuch des Stampede


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