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Besamung nach dem Morgenkaffee: Das Leben als Landtierarzt

Kätzchen, die im Wartezimmer ein wenig ungeduldig miauen oder ein Hund, der eine Halskrause angelegt bekommt. So stellt man sich den Alltag eines Tierarztes vor. Sicher, einiges davon stimmt, aber das Praxisleben hält – überhaupt auf dem Land – so einiges Unerwartetes bereit. 

„Dann kommst du bitte um sieben in die Praxis und vergiss die Gummistiefel nicht“. Bei diesen Worten kamen bei mir doch ein wenig Zweifel auf, ob die Idee wirklich so gut gewesen ist. Nämlich einen Tag als „Schatten“ eines Tierarztes am Land verbringen zu wollen. Spoiler: Ich hab noch nie so viele „glückliche Kühe“ gesehen wie an diesem Tag.

In der Kleintierpraxis werden auf diesem Tisch kleinere Eingriffe durchgeführt.
Im eigenen Labor werden unter anderem Blutproben gleich ausgewertet.

Mag. Michael Ridler macht den Job bereits seit mehr als 25 Jahren und ihn kann nicht mehr viel überraschen. Zu seinen Patienten gehören auch schon mal ein Pfau, eine Wüstenspringmaus oder gar ein Chamäleon. Auch eine Kuh, die beim Grasen von einer Kreuzotter in die Schnauze gebissen wurde wurde schon von ihm behandelt. Dementsprechend gespannt bin ich auf meinen Tag mit ihm. Gleich nach der Morgenbesprechung mit seiner Assistentin gehts rein in die besagten Gummistiefel. Vormittags stehen Visiten bei Landwirten auf dem Plan. Sozusagen: „Hof-Time“. 

Schon nach wenigen Minuten fällt mir auf: Der Mann hat viel zu tun. Sein Handy läutete alle paar Minuten. Dennoch setzt er durchaus auch Grenzen. Seine Patienten gehen immer vor. Und so landet der Anrufer mit einer von Durchfall geplagten Katze auf der Mobilbox und wird schnellstmöglich zurückgerufen. Denn der Doc hat inzwischen schon fast seinen kompletten Arm in einer Kuh versenkt. Falls sich jemand fragt, was das soll: Das Tier wird künstlich besamt. 

Diese Behandlung steht an diesem Tag noch einige Male an. Immerhin ist die Zucht (neben der Milchproduktion) eines der Haupterwerbe von Landwirten. Ab und zu klappt es aber nicht immer auf Anhieb mit dem Nachwuchs. Dann wird auch bei den Kühen im Notfall zu etwas unorthodoxen Maßnahmen gegriffen: Leihmutterschaft. Ja, das gibts auch bei den sanften Wiederkäuern. 

„Für mich steht das Tierwohl an oberster Stelle“

Der Tierarzt übt seinen Beruf voller Leidenschaft aus. Am besten gefällt ihm dabei, das er den tierischen Patienten helfen kann. Das macht er an heißen Sommertagen, aber auch „wenn man keinen Hund mehr vor die Tür jagt“. So ist es schon vorgekommen, dass er an einem Wintertag fünf Mal aus Schneewehen gezogen werden musste – trotz Allradfahrzeug.

Der Vormittag verfliegt mit dem Schwängern von Kühen, der Behandlung von kränklichen Kälbchen und einem Pferd, das beim Auftreten Probleme hat. Nach ein paar geübten Griffen stellt der Doc fest: Das Problem liegt nicht am Bein, es kommt von der Hüfte oder auch dem unteren Rücken. Die Diagnose ist bei den tierischen Patienten nicht leicht. Wenn der Kranke seine Symptome nicht schildern kann, ist eine exakte Beobachtungsgabe gefragt. Genau diese Herausforderungen liebt Ridler so an seinem Job. Man könnte ihn fast als „Columbo der Tierwelt“ bezeichnen. Auch wenn er bisher nie mit Mordfällen zu tun hatte.

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Dr. Ridler liebt es, Tiere zu behandeln. Leider wird auch bei ihm die Bürokratie immer mehr.
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Hier ist Detektivarbeit gefragt: Das Pferd kann nicht mehr richtig auftreten.

Eine Besonderheit seiner Tierarztpraxis ist, dass hier auch mit Homöopathie, Phytotherapie, Osteopathie und anderen Heilmitteln gearbeitet wird. Dazu erzählt mir der Arzt eine interessante Anekdote. Er wurde zu eine Kuh gerufen, die ihre Milch nicht mehr halten konnte (ja, das gibts). Es tropfte ständig aus ihrem Euter. Wo immer sie stand oder lag, überall war eine Lache aus Milch. Beim Melken war natürlich nichts mehr da, was für den Bauern katastrophal war. Da die „klassische Medizin“ hier an die Grenzen stieß, versuchte es Ridler mit einer unkonventionellen Methode. Er sprühte eine homöopathische Mischung auf die Schnauze der Kuh. Schon nach kurzer Zeit war sie wieder in Ordnung. 

Nach der Mittagspause gehts mit den Hund, Katze und Co. weiter.

Nachmittag steht für den 51-jährigen die Arbeit mit Kleintieren auf dem Plan. Geholfen wird ihm dabei von seiner Frau Claudia, einer Ex-Lehrerin. Sie hat nach der Geburt der vier Kinder den Klassenraum gegen das Behandlungszimmer getauscht. Das Paar hat auch einen kleinen Bauernhof und der Tierarzt betreibt nebenbei noch Krippenbau und ist Obmann der Volkstanzgruppe Treubach.

Die Praxis ist für die Behandlung mit homöopathischen Mitteln gut ausgestattet
Das Lager für die Phytotherapien (Pflanzenheilkunde) ist auch sehr umfangreich

Kurz nach zwei Uhr steht der erste miauende Patient auf der Matte. Einer einjährigen Langhaarkatze wird ein Chip zur Identifikation eingepflanzt. Ich hatte mich schon auf Kratzen, Pfauchen oder zumindest ein klägliches Wimmern eingestellt. Zu meiner Überraschung blieb der hellbraune Stubentiger aber sehr entspannt. 

Nachdem Bailey, ein Australian Shepherd, Hilfe bei einer hartnäckigen Ohrinfektion bekommen hat, hört man durch die Tür zum Wartezimmer ein ziemlich klägliches Mauzen. Der schwarz-weiße Kater in der Transportbox hat wohl schon im Gefühl, dass ihm nach seinem Tierarztbesuch zwei entscheidende Teile fehlen werden. Der zugelaufene Kater steht kurz vor seiner Kastration.

Nach einer ersten Untersuchung wird der Kater gewogen, um die Menge des Narkosemittels bestimmen zu können. Nur wenige Minuten nach der Spritze ist die Samtpfote komplett weggetreten. Der Eingriff an sich ist in etwa zehn Minuten vorbei. Wichtig ist, dass die Tiere dabei nüchtern sind. Die Narkose schlägt sich bei Vielen auf den Magen. Wenn sie sich im schlafenden Zustand übergeben, besteht akute Erstickungsgefahr.

Vor der Kastration wird das Tier genau untersucht
Ily hatte keine große Lust, sich die Fäden ziehen zu lassen

Der nächste Patient kommt zum Fäden ziehen. Bei dem größeren Hund mit Maulkorb ist das allerdings nicht so einfach, das erforderte schon ziemlichen Körpereinsatz, das Tier ruhig zu halten. Schließlich ist es für mich an der Zeit, in einen anderen Behandlungsraum zu wechseln. Für Ridler stehen noch ein paar Bauerhof-Visiten auf dem Plan. In der Zeit wollte ich mir die Möglichkeit nicht entgehen lassen, bei einer Osteopathiebehandlung zuzuschauen. Der zwölfjährige Schäferhund ist Stammkunde. Indio kommt mit seinem Herrchen regelmäßig aus Salzburg, weil ihm die Behandlung sehr guttut. 

Merlin musste sich oft übergeben. Das Medikament hilft ihm, seine aufgenommenen Haare besser zu verdauen.
Die Osteopathiebehandlung ist für das Tier komplett schmerzlos. Indio kommt regelmäßig zu einer Sitzung.

Auf mich wirkt diese Therapieart sehr entspannt. Dr. Evelyn Lexen legt dem Hund an verschiedenen Körperstellen die Hände auf und macht kreisende Bewegungen. Indio ist anfänglich ein wenig unruhig, was aber auch mit meiner Anwesenheit zu tun haben könnte. Der Hund bekommt dann noch eine schmerzlose Laserakupunktur, für die er mit Leckerlis „ruhig gestellt“ (man könnte auch sagen: bestochen) wird. Nach einer knappen Stunde ist die Behandlung abgeschlossen – und mein Tag in der Praxis vorbei. 

Mein Fazit: Als Landtierarzt muss man extrem flexibel sein. Der Tagesplan wird oft durch kurzfristige Notfälle durcheinander gewürfelt. Manche Tierbesitzer haben falsche Vorstellungen beim Tierarztbesuch. So kann man durch eine Blutprobe nicht alle Krankheiten diagnostizieren und die wenigsten tierischen Probleme sind mit nur einer Spritze oder Behandlung kuriert. Auch wenn sein Beruf für Ridler (und andere Tierärzte) eher eine Berufung als nur schnödes Geld verdienen ist, so sollten seine Dienste nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Denn auch als Arzt hat er mal Feierabend – und ein Hund, die seit zwei Tagen Durchfall hat, muss nicht Samstag morgen um drei Uhr behandelt werden.

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Quellennachweis:

Interviews mit Mag. Michael Ridler

Erfahrungen bei Fahrt mit ihm am 10. Oktober 2025

https://www.tierarzt-ridler.at/

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