Man kommt nicht um ihn herum, wenn man auf Social Media unterwegs ist: Yungblud. Was ist so faszinierend an dem 28-jährigen Briten, dass Tausende zu seinen Konzerten pilgern, teilweise rosa Socken tragen und sich schwarze Herzen tätowieren lassen?
Wien an einem kühlen Oktoberabend. Die Schlange an Musikbegeisterten erstreckt sich über mehrere Häuserzeilen. Einige warten schon seit Stunden, die Hardcore Fans haben sogar hier übernachtet. Mit einigen rede ich über ihre Leidenschaft und bekomme einen kleinen Einblick in die Welt des „Black Hearts Clubs“, wie sich die Anhänger von Yungblud nennen. Um zu verstehen, warum so viele Menschen aller Altersgruppen von ihm fasziniert sind, muss man sich seinen Werdegang näher ansehen.
Dominic Richard Harrison (* 5. August 1997) stammt aus dem kleinen Ort Doncaster, rund 300 Kilometer nördlich von London. Er hat eine gute Beziehung zu seinen Eltern, überhaupt zu seiner Mutter. Sie hat ihm schon als Kind die Haare gefärbt und ist immer hinter ihm gestanden. Leider waren seine Lehrer damals nicht so aufgeschlossen, er sagt über seine Schulzeit, dass er von Lehrern und auch Schülern gemobbt wurde. Seit seiner Kindheit leidet er an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitätsstörung), Depressionen und Angstzuständen. In einem Interview sagt er, er habe schon mit dreizehn Jahren Suizidgedanken gehabt. Einen Zufluchtsort fand er in dem gemeinsamen Gitarrenladen seines Vaters und Großvaters. Sein Opa Rick Harrison († April 2023) behauptete von sich selbst, einige Male mit den Rocklegenden T-Rex aufgetreten zu sein. In seinem Geschäft haben auch schon Oasis ihre Instrumente gekauft. Dort hat Dom, wie er auch genannt wird, viel Zeit verbracht und auch seine erste Gitarre in die Hände bekommen. Mit gerade mal drei Jahren!
Ein neues Leben in London
Im jungen Erwachsenenalter eröffnet er seinen Eltern, dass er nach London gehen will, um dort an der ArtsEd (eine bekannte Schule für darstellende Künste) zu studieren. So zieht er mit etwa sechzehn1 Jahren von zu Hause aus und teilt sich ein Appartement mit einem Mitbewohner. Die 75 Pfund Miete wurde von seinen Eltern übernommen. In dieser Zeit probierte er so einiges aus. Er kam oft tagelang nicht nach Hause, probierte Drogen und versuchte, seine sexuelle Identität zu finden. Sein Studium von Schauspiel, Tanz und Gesang schmiss er nach kurzer Zeit hin, weil es „nicht das Richtige für ihn war“. Ganz umsonst war es allerdings nicht, immerhin hatte er mehrere Gastauftritte in der britischen Soap „Emmerdale“ und auch bei Disneys The Lodge.
Seine Leidenschaft für Musik hat ihn aber nie losgelassen. Er hat in einem Pub für seinen Lebensunterhalt gejobbt und seine Lieder online geteilt. Deswegen bekam er auch seine erste Chance, sich im Business zu beweisen: Jedoch liefen die angebotenen Gigs nicht so, wie es sich Dominic vorgestellt hatte. Er bekam einen Maulkorb verpasst, musste einige für ihn wichtige Textpassagen umschreiben, um „politisch korrekt“ zu sein. Damit konnte er sich nicht abfinden und so begann er wieder bei Null.
Yungblud entsteht
Gegen 2017 erfand er die Figur „Yungblud“. Das ergab sich daraus, weil er von anderen Leuten im Musikbusiness immer „Junges Blut“ genannt wurde. Immerhin war er damals noch nicht mal zwanzig. Der Brite war sich für nichts zu schade und spielte auch in fast leeren Pubs. Er ließ sich jedoch davon nicht entmutigen und brachte im April 2017 mit „King Charles“ seine Debut-Single heraus. Dieser Song erregte die Aufmerksamkeit von Tommas Arnby von Locomotion Entertainment. Die Zusammenarbeit mit ihm war wie gemacht für Yungblud. Arnby hatte sich nämlich auf Künstler spezialisiert, die nicht unbedingt „radiotauglich“ waren (wegen ihrer Texte oder des Musikstils).
Dank einiger Auftritte in England und einer Menge seiner Songs auf Streaming Plattformen wurden schließlich auch die USA auf ihn aufmerksam. Er sollte bei „School Night“ auftreten. Dieses Format hat schon Billie Eilish oder Dua Lipa zu mehr Popularität verholfen. Yungblud nutzte die Zeit in New York, um einige Lieder im Universal Music Gebäude aufzunehmen. Und um einen genialen Marketingcoup abzuziehen: Er bat einen Jungen aus dem Locomotion-Team, aufgeregt im Gebäude herumzulaufen und jeden zu fragen, ob er denn schon von dem aufstrebenden jungen Künstler Yungblud gehört hätte. So sprach schlussendlich das ganze Haus über ihn.
Hinter den Kulissen der School Night war Yungblud ein Nervenbündel. Seine Nervosität war so schlimm, dass er sich sogar backstage übergeben musste. Trotzdem lieferte er eine großartige Vorstellung, die ihren Teil zu einem Plattenvertrag mit Geffen/Interscope Records Ende 2017 beitrug. Es folgten Interviews, Magazin Cover und Reportagen über den aufstrebenden Künstler.
Auf der Erfolgsspur
Das erste Album „21st Century Liability“ kam im Juli 2018 heraus. Zu der Zeit hatte er auch schon die Nachteile des Musikerlebens kennengelernt. Paparazzi, die ihm auflauerten und ihn ungeniert über sein Liebesleben ausfragten. Er sagt über die Zeit: „Ich liebte es, auf der Welt herumzufahren, war aber noch immer fucking depressiv.“ Yungblud machte in der Zeit auch viele Kollaborationen. Er veröffentlichte unter anderem Musik mit Halsey, Travis Barker und Dan Reynolds (Imagine Dragons).
Sein Engagement wurde mit den ersten Award Nominierungen belohnt. In der für viele schwierigen Covidzeit bewies er Kreativität, um den Kontakt mit den Fans nicht zu verlieren. Er erfand ein neues Format: Ein Livestream namens „The Yungblud Show“. Einige Zeit später chattete er im BBC „Yungblud Podcast“ mit Musikerkollegen und Fans. Ab Oktober 2020 gab es jede Woche eine weitere Folge zu hören. In den folgenden Jahren veröffentlichte er einige neue Singles und Alben.
Yungblud veranstaltet sein eigenes Festival
Yungblud hatte sich schon oft über die extrem überteuerten Ticketpreise in den Medien beschwert. Im August 2024 ließ er seinen Worten Taten folgen. Er veranstaltete sein eigenes Musikfestival mit sehr moderaten Ticketpreisen. Die Bühne des „Bludfest„ gehörte Musikern wie Lil Yachty, Soft Play, The Damned und natürlich Yungblud selbst. Es gab auch einen Gitarrenladen, ein Tattoozelt und ein Begegnungszelt, wo sich Fans treffen konnten, um Freundschaften zu schließen. Außerdem gab es einen Nachbau der Bar, in der er zu Beginn seiner Karriere hinter dem Zapfhahn stand (inklusive selbst gebrautem Bier!). Das Fest war ein großer Erfolg und so beschloss Yungblud, es auszuweiten. Bludfest in Deutschland (Hamburg) ist für 2026 schon bestätigt. Die Fans hoffen, dass es auch noch in andere europäischen Städte kommt.
Einen enormen Schub an Popularität brachte ihm die Performance des Black Sabbath Songs „Changes“ auf einem Festival in Birmingham im Juli 2025. Er war von der Frau seines Freunds und Idols Ozzy Osborne gebeten worden, es für ihn zu spielen. Im Rahmen des Events verabschiedete sich Ozzy endgültig von der Bühne. Nur kurz darauf verstarb der legendäre Rockstar. Yungblud wird von vielen als sein Nachfolger angesehen.
Der Brite lässt es auf der Bühne krachen
Erst kürzlich eröffnete Yungblud einen eigenen Laden in London, arbeitete mit den Rockikonen Aerosmith zusammen und wurde für gleich drei Grammys (2025) nominiert. Er bleibt sich selbst auch treu. So tritt er manchmal in rosa Socken oder im Rock auf. Eyeliner und Nagellack gehören genauso zu Yungblud wie seine oberkörperfreie Performance und sein Lieblingswort „Fuck“. Er sucht den Kontakt zum Publikum, indem er immer wieder in die Menge geht und manchmal sogar Stagediving macht. Yungblud hat keine Berührungsängste, holt Fans auch mal auf die Bühne, um Gitarre zu einem seiner Lieder (Fleabag) zu spielen. Er raucht während Gigs, küsst seinen Gitarristen und animiert das Publikum, einen Moshpit2 zu veranstalten. Der 28-jährige lässt sich nichts vorschreiben – und wird dafür gefeiert. Das macht er übrigens nach Konzerten auch gerne gemeinsam mit dem Publikum.
Was sagen die Fans - und die Gegner?
Die Nähe und seine Authentizität lieben die Fans an ihm. Im Gespräch erzählen sie, dass sie sich von ihm verstanden fühlen. Bestätigt, dass sie so sein dürfen, wie sie sind. Sich nicht verstellen müssen. Dabei sind seine Fans (zumindest beim Konzert in Wien) bunt gemischt. Da steht eine bekennende, stolze Transfrau neben einem verliebten Pärchen, zwei Mittsechziger warten genauso auf Einlass wie eine Gruppe Teenager. Yungblud verbindet einfach die Leute.
Natürlich darf man auch die Gegenstimmen nicht ganz außer acht lassen. In Onlineforen wird diskutiert, ob er sein Punk-sein nicht spielt („Fake“ ist). Einige kritisieren sein Verhalten (Fluchen und Rauchen) wobei diese Authentizität ironischerweise genau das ist, wofür ihn die Fans feiern. Auch die Worte „Cringe“ und „Overrated“ fallen häufig.
Fazit: Der junge Brite trifft den Nerv der Zeit. Er ist frech, extrem energiegeladen und gibt den Fans das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Er wirkt authentisch, gibt Interviews in seinem breiten englischen Akzent und lässt seinen Worten auch Taten folgen (wie bei den Ticketpreisen). Ob er nun „fake“ ist, wie von manchen behauptet wird, kann ich nicht beurteilen. Er liefert jedenfalls eine großartige Show und lässt das Publikum mit einem Lächeln zurück. Im Gespräch hat ihn ein Fan als „einzigen richtigen Rockstar dieser Generation“ bezeichnet – und damit wohl den Nagel auf den Kopf getroffen.
Ein paar interessante Fakten über den Künstler:
- Yungblud ist nicht besonders glücklich, wenn er „Dominic“ genannt wird. Immerhin wurde er als Kind immer so von seiner Mutter gerufen, wenn er Ärger mit ihr hatte.
- Er glaubte lange, dass Rod Steward sein Großvater sei. Dies hatte ihm seine Großmutter so erzählt.
- Er hat je ein schwarzes Herz auf jeden Mittelfinger tätowiert. Ein völlig Schwarzes und ein gebrochenes Schwarzes. Das erklärt den Namen „Black Hearts Club„.
- Yungblud wurde in Paris von einem Auto angefahren. Dies brachte ihn dazu, sein Leben zu überdenken.
- Er leidet an Asthma und hat seinen Inhalator immer dabei.
- Nach seinen Konzerten trifft er sich mit seinen Fans, gibt Autogramme und geht manchmal sogar mit ihnen feiern
- Er ist sehr großzügig und verschenkt schon mal Gitarren an die Zuschauer.
- In der Anfangszeit in London hatte er verschiedene Mitbewohner – inklusive Lewis Capaldi.
- Er hat sich auf der Bühne seinen Knöchel gebrochen (Houston, Oktober 2018) und ist am nächsten Tag mit Gips und im Rollstuhl schon wieder aufgetreten.
Anmerkung:
Das ist natürlich nur eine Kurzfassung mit den Meilensteinen seiner Karriere. Es ist bei weitem nicht vollständig!!!
1 Hier gibt es unterschiedliche Angaben. Einige Quellen schreiben, er wäre 15 gewesen, andere sprechen von 16 Jahren.
2 Ein Kreis innerhalb des Publikums, innerhalb dessen man sich gegenseitig anrempelt, zusammenstößt und einfach nur Spaß hat.
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Quellenangaben:
https://www.altpress.com/yungblud-dominic-harrison-disney-the-lodge/
https://people.com/music/yungblud-talks-album-weird-exclusive/
https://faroutmagazine.co.uk/when-yungblud-appeared-on-emmerdale/
http://ww.huckmag.com/article/yungblud-raucous-voice-youthful-disenchantment
https://umusic.co.nz/select/alternative/yu…pop-punk-misfit-ready-to-change-the-world/
https://www.thestar.co.uk/news/people/rick…-grandad-guitar-supplier-to-oasis-4117205
https://www.capitalfm.com/news/music/yungblud/
https://www.pressreader.com/ireland/irish-daily-mirror/20201211/282497186248066
https://www.musikexpress.de/yungblud-nach-autounfall-in-paris-es-hat-alles-veraendert-3010399/
Photocredits: Vielen Dank an Lylia_Linda_B bei TikTok.


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