Bollywood bedeutet für viele bunte Kleidung, kitschige Handlung und extrem übertriebene Darstellung. Dennoch ist es die größte Filmindustrie der Welt. Was macht eine indische Produktion aus, dass so viele Leute ins Kino gehen?
Motorräder, Rikscha, Taxis und Kühe: Die Straßen Mumbais sind extrem chaotisch. Auch auf den Gehsteigen ist es nicht anders. Geschäftsleute im Anzug mischen sich mit (aufdringlichen) Straßenverkäufern, bettelnde Frauen mit Kleinkindern teilen sich den Platz mit dösenden Hunden. Begleitet wird die Szenerie von Dauerhupen entnervter Taxifahrer, denn hier gilt: Wer hupt, der fährt. Mitten im Trubel ist eine junge Frau in buntem T-Shirt und Jeans händeringend auf der Suche nach Ausländern. Sie ist eine Recruiterin und braucht dringend Komparsen für den nächsten Bollywoodfilm.
Mumbai ist sozusagen das Hollywood für indische Produktionen. Seit 1912 werden in Indien schon Filme gemacht. Bollywood (eine Kombination aus Bombay und Hollywood) bringt mehr als doppelt so viele Filme wie die Vereinigten Staaten heraus. In Mumbai stehen um die sechzig größere und kleinere Filmstudios, in denen in Dauerschleife produziert wird. Auch im Bundesstaat Hyderabad wird fleißig gedreht. Hier befindet sich „Ramoj Film City“, das weltweit größte Filmstudio mit angeschlossenem Themenpark. Die Produzenten von großen Filmen gehen aber für Dreharbeiten auch schon Mal ins Ausland. Denn auch in Indien gilt. Je exotischer die Kulisse, desto besser kommt ein Film an. Und für die Bewohner des Subkontinentes ist das nun mal eine Mischung aus Bergen und Schnee. Daher spielen viele Filme in den Alpen (hauptsächlich Schweiz).
Worum geht es?
In Bollywood Filmen werden meist traditionelle Werte gezeigt. Sehr oft geht es um Familie, Liebe und Herzschmerz. Dabei wird auch durchaus Kritik geübt. So wird beispielsweise im Filme Kabhi Alvida Naa Kehna (Bis dass das Glück uns scheidet) thematisiert, was geschieht, wenn sich ein Partner in einer arrangierten Ehe in jemand anderen verliebt.
Während es bei den Themen immer wieder Variationen gibt, so ist doch eines sicher: Es wird auf jeden Fall gesungen und getanzt. Dabei lernt man so einiges über die indische Kultur. Wie würde man sonst hierzulande wissen, was beispielsweise Bhangra (Musik/Tanz aus dem Punjab) ist? Die Choreografie ist teilweise sehr kompliziert aufgebaut und die professionellen Tänzer haben nur wenig Zeit, diese einzustudieren. Das schweißtreibende, schwüle Wetter in Mumbai ist eine weitere Herausforderung.
Ähnlich wie ein Hollywood gibt es natürlich auch in Bollywood richtige Zuschauermagneten. Einer der größten Filmstars ist dabei der 1965 in Neu Delhi geborene Shah Rukh Khan. Mit Klassikern wie dem Romantikstreifen DDLJ (Dilwale Dulhania Le Jayenge – Wer zuerst kommt, kriegt die Braut), dem Historienfilm Asoka oder Actionfilmen wie Don oder Pathaan begeistert er das Publikum. Dabei brach der Muslime mit so manchen Normen. In Zeiten, wo arrangierte Ehen die Norm waren, heiratete er seine Jugendliebe Gauri. Eine Hindu.
Politische Statements
Auch wenn Bollywood meist mit Wohlfühlkino in Verbindung gebracht wird, so gibt es durchaus gesellschaftskritische und politische Filme. Sei es der noch immer schwelende Konflikt zwischen Indien und Pakistan (Veer – Zaara) oder die gesellschaftliche Vorverurteilung von Muslimen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 (My Name is Khan). Auch Umweltthemen (Swades) oder Terrorismus (Dil se) werden behandelt.
Dennoch ist das Hauptziel von Bollywood zu unterhalten. Einfach abzuschalten und drei Stunden (ja, manche Filme dauern durchaus so lange) die Sorgen zu vergessen. Ganz nebenbei schnappt man auch so einige Hindu-Begriffe auf (weiter unten eine kleine Sammlung zum Angeben vor Freunden) und lernt etwas über die indische Kultur. Denn genau wie Tanzszenen werden auch sehr oft wichtige indische Feiertage dargestellt. Neben Holi (darüber habe ich HIER schon geschrieben) zählt Diwali zu den beliebtesten Feiertagen in Bollywoodstreifen.
Das Lichterfest wird jedes Jahr am 15. Tag des Hindumonats Kartik statt. Meist fällt das auf Ende Oktober/Anfang November. Die hinduistische Feier dauert fünf Tage lang und ist ein absolutes Familienfest. Hier kommt die ganze Familie zusammen, isst Laddoos (süße Teigbällchen), es werden Diyas (kleine Öllämpchen) angezündet und es finden religiöse Rituale statt. Zelebriert wird an Diwali der Sieg des Guten gegen das Böse. Also wie gemacht für einen Bollywoodfilm.
Was ist denn nun mit der Recruiterin?
Die junge Frau war erfolgreich. Sie hat Darsteller aus Frankreich, Schweden, England und Österreich gefunden. Woher ich das so genau weiß? Ich war eine von diesen Komparsen. Gesucht wurde übrigens für den Film Don 2. Mehr zu meinen Erlebnissen in einem indischen Filmstudio gibt es demnächst hier. Das Titelbild zu diesem Beitrag zeigt übrigens den Make-Up Bereich an einem Bollywood Filmset.
Einige Begriffe aus dem Indischen:
Mai …. hai – Ich bin ….. (Name)
Namaste – Hallo
Mai ….. se – Ich komme aus …. (Ort)
Admi (Pati) – Mann (Ehemann)
Mahila (Patni) – Frau (Ehefrau)
Mujhse tumse pyar hain – Ich liebe dich
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Quellen:
https://studlib.de/6117/medien/bollywood_indische_filmindustrie
https://thevirtualassist.net/film-production-companies-in-mumbai/
https://www.ramojifilmcity.com/film-studio/
Eigene Erfahrungen von Dreharbeiten in Mumbai im Januar 2011
Fotos: Ingrid Müller
Titelbild von KANK (Kabhie Alvida na Kehna) von Rapid Eye Movies (all rights reserved)


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