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Roller, Scheller und der Scheissheislebass

Alle zwei Jahre findet in Imst eine große Fasnachtsfeier statt. Beim sogenannten Schemenlaufen stehen abwechselnd die Erwachsenen und die Kinder im Vordergrund. Heuer wurde gemeinsam mit tausenden Besuchern die Buabefasnacht gefeiert.

In den Straßen und kleinen Gassen des Tiroler Ortes stehen Touristen und Einheimische dicht an dicht. Alle warten gespannt auf das Zwölf-Uhr-Läuten der Dorfkirche. Der erste Sackler tritt heraus und verkündet feierlich den Beginn des Umzugs. Die Imster Stadtmusik beginnt zu spielen und nach und nach kommen immer mehr maskierte Figuren heraus. Das Besondere: Bei der Buabefasnacht nehmen nur Jungen teil, alle im Alter zwischen sechs und 15 Jahre. 

Security? Brauchen wir nicht!

Kurz nach der Eröffnung wird der erste Krois (Kreis) gebildet. Jetzt legen die ersten Ordnungsmasken los. Sie sorgen dafür, dass die Zuschauer auch genug Abstand  zu den Teilnehmern halten. Den Kindern macht diese Aufgabe sichtlich Spaß. Immerhin dürfen sie als Sackler mit kleinen Stoffsäckchen das Publikum zurückdrängen. Ihr farbenfrohes Arbeitswerkzeug ist mit getrockneten Maisblättern oder Stofffetzen gefüllt. Mit einigen beherzten Schlägen bringen die Sackler das Publikum damit zur Raison.

Ein Kostüm mit bunter Kleidung und einer dunkelblauen Schürze. Sie als alte Frau verkleidete Maske trägt einen bunten Stoffball an einem kurzen Henkel. Rund um die Figur sind noch andere Masken und Zuschauer zu sehen.
Der Sackler benutzt das Stoffsackerl, um für Ordnung beim Umzug zu sorgen.
Eine maskierte Figur. Sie trägt einen dunkelblauen Frack, wei0es Hemd und hat einen blauen piratenähnlich geformten Hut auf. Die Maske, die er trägt, hat eine spitz zulaufende Nase und zeigt einen älteren Mann. In der Hand hält er eine goldne Spritze auf der einige Brezen baumeln. Hinter ihm sieht man noch weitere Menschen.
Der Spritzer zielt normalerweise auf die Beine, aber manchmal landet das Wasser (bei Familie und Freunden) auch im Gesicht.

Die Spritzer helfen ihm bei dieser Aufgabe. Sie haben eine große Spritze dabei und verpassen so manchem eine unerwartete Dusche. Munition haben sie dabei genug, immerhin ist Imst auch als „Stadt der Brunnen“ bekannt. Mehr als 40 Stück gibt es davon. Als kleine Wiedergutmachung übergibt der Spritzer anschließend eine Faschingsbretze. Davon werden mehrere Tausend speziell für diesen Anlass gebacken. Es gibt noch eine dritte Ordnungsmaske: Die Kübelemajen ist mit einem kleinen Eimer mit Puder und einem Stofftaschentuch ausgestattet. Tanzt ein Zuschauer aus der Reihe, endet er mit einem weißen Gesicht..

Eine Figur mit Holzmaske, blondem Haar, Hut und einem kleinen Eimer und weißem Taschentuch. Die bunt gekleidete Figur mit blauer Schürze steht auf der Straße, hinter ihr noch einige weitere Fasnachtskostüme
Die Ordnungsmaske "Kübelemajen" verpaßt Dränglern eine weiße Puderschicht.
Eine Besucherin mit weißem Gesicht. Sie hat hellbraune, lange Haare, die sie offen trägt. Sie hat eine helle Mütze auf und einen schwarzen Anorak an. Sie lächelt in die Kamera
Lara, eine Besucherin der Fasnacht, wurde von der Kübelemajen zurechtgewiesen

Ein großes Spektakel

Die Stars der Imster Fasnacht sind eindeutig Scheller und Roller. Diese Figuren tragen zu den Holzlarven einen großen Kopfschmuck und sind mit Schellen (Glocken) ausgestattet. Eine kurze Begriffserklärung für Nicht-Tiroler: Der hölzerne Gesichtsschmuck wird als „Larve“ bezeichnet, die ganze Figur (z.B. Scheller) ist die „Maske“.

Mitten im Krois führen sie nacheinander ihren Tanz („Gangl“), auf. Das bedarf viel Übung und noch mehr Kondition. Immerhin sind die Schellen bei den Jugendlichen etwa 16 Kilo schwer und der Roller muss bei seinem Gangl viel springen. Die Teilnehmer bereiten sich teilweise schon monatelang davor auf das Event vor. Sie steigern ihre Kondition durch lange Bergwanderungen in der Umgebung.

Der Roller und der Scheller, zwei Figuren der Imster Fasnacht. Sie tragen rot-weiße Kostüme, einen prächtigen Kopfschmuck und weiße Handschuhe. Der Bart des rechts stehenden Scheller ist groß und geschwungen. Der links befindliche Roller macht eher einen zierlichen Eindruck.
Die Kleidung von Roller und Scheller sind farblich aufeinander abgestimmt.
Hier sind der Scheller und der Roller auf einem großen Platz zu sehen. Sie sind in weiß-blaue Kleidung gehüllt. Der Gürtel mit den runden Schellen des Rollers ist farbenfroh gestaltet.
Hier kann man sehr gut die ovalen Schellen des Rollers sehen. Er bringt sie durch Springen zum klingen.

Beim Umzug hört man auch immer wieder Musik, die von weiteren Masken kommt: Die Hexen sind verantwortlich für die schauerlich klingenden Töne. Die Hexenmusik verwendet dafür ein ganz bestimmtes Instrument. Den sogenannten „Scheissheislebass“. Das ist ein Holzblasinstrument, das sehr tiefe Töne von sich gibt.

Bei der Fasnacht sind auch noch Bären mit ihren Treibern, Affen und einige andere Masken dabei. Überhaupt die Bären haben ein schweres Los beim Umzug. Es wird von ihnen erwartet, dass sie kleine Kunststücke aufführen. Wenn sie keinen Purzelbaum machen, schlägt sie der Treiber auf den Kopf. Obwohl dieser im Inneren mit einem Gestell ausgestattet und auch gepolstert ist, kann es auf Dauer schon schmerzhaft werden. Aber die Imster sind hart im Nehmen.

Ein Instrument der Hexenmusik: Der Scheissheislebass. Das Instrument gibt scheussliche Töne von sich
Der Scheissheislebass kommt bei jedem Krois zum Einsatz.
Einer der Bären beim Umzug. Ein weißer, mannesgroßer Bär mit weiß aufgerissenem Maul.
Die Bären werden von Treibern begleitet, die ihn zu diversen Kunststücken animieren sollen.

Haben der Scheller und der Roller ihr Gangl beendet, ist es an der Zeit, die Leute hinter den Kulissen zu würdigen. Familie, Freunde und vor allem Frauen, die bei den Vorbereitungen geholfen haben, werden in den Kreis geholt. Sie bekommen ein „Ehrengangl“ und stehen für einige Minuten im Fokus des Geschehens. Nach dem Tanz wird ihnen noch ein Glasschmuck, die „Einführ-Larvel“ um den Hals gehängt. So gewürdigt zu werden ist eine sehr große Ehre.

Schließlich ziehen die Teilnehmer unter Musikbegleitung einige Meter weiter und machen dann den nächsten Krois. Den Abschluss des Zuges bilden die in monatelanger Arbeit gebauten Hütten. Trotz genauestem Abmessens kann es jedoch in den schmalen Gassen vorkommen, dass sie irgendwo hängen bleiben. Dann muss die Säge ran. Allerdings wird nicht an den Hütten herumgeschnitten! Die Häuser der Anwohner müssen Federn lassen. Natürlich werden sie schnellstmöglich wieder repariert, aber zu Fasnacht hat eben der Zug Priorität. Am Ende der Feier werden die mühsam gebauten Holzhäuser in ihre Einzelteile zerlegt. Für das nächste Schemenlaufen gibt es dann neue Motive.

Eine Musikkapelle mit Banner in traditioneller Kleidung
Die Stadtmusik des Ortes begleitet die Masken auf ihrem Weg
Ein Haus, in beige gestrichen mit einem Feuerwehrmotiv auf der Vorderseite. Es hat zwei senkrecht übereinanderliegende Fenster und unter dem gemalten Motiv eine rote Tür. Der Sockel des Hauses ist mit einem Stoff umwickelt.
Das mag wie ein gewöhnliches Wohnhaus aussehen, ist aber tatsächlich ein Teil des Fasnachtszugs.

Diese Regeln müssen beachtet werden

Auch wenn bei der Veranstaltung der Spaß im Vordergrund steht, so gibt es doch einiges, an das man sich halten muss.

  • Mitmachen dürfen nur Jungen/Männer, die in Imst geboren sind oder schon länger hier wohnen
  • Die Holzlarve darf nicht vor 12 Uhr Mittag aufgesetzt werden
  • Im Krois haben keine Zuschauer Zutritt – mit Ausnahme des Ehrengastes 
  • Bei dem Scheller muss der Schwengl überall anschlagen, nicht nur auf einer Seite
  • Um sechs Uhr abends müssen die Masken runter. Sonst kann es passieren, dass sie anwachsen (einem alten Volksglauben nach)

Die Labara

Ein weiterer Bestandteil der Fasnacht sind die Labara. Sie sind zwar nicht beim Zug dabei, spielen aber dennoch eine wichtige Rolle. Die Gruppe hält an mehreren Standorten im Ort und führt ein kurzes Stück auf. Dabei erzählt der Deklamator eine peinliche Geschichte, die so einem Imster im Lauf des Jahres widerfahren ist. Unterstützend hat er dabei ein selbstgestaltetes Poster, damit die Geschichte noch lebendiger wird. Die ganze Labara-Truppe singt dann über das Missgeschick. Auch wenn dieses öffentliche Zur-Schau-Stellen den meisten Imstern unangenehm ist, so ist es doch die größe Ehre, die einem Einwohner des Ortes widerfahren kann.

Die Kinder sind traditionell gekleidet, haben ein Poster mit gezeichneten Figuren dabei und erzählen die Story in traditioneller Kleidung.
Die Labara führen ihre Stücke in verschiedenen Plätzen im Ort auf.
Es gibt sogar eine Festlegung. Sie ist in Rot schwarz Weiß gedruckt.
Die Festtagszeitung ist für zehn Euro zu haben.

Die Vorbereitungen starten schon am 6. Jänner

Für die Einwohner der Tiroler Stadt ist Fasnacht eine äußerst wichtige Sache. Am Dreikönigstag kommt das Fasnachtskomitee in der größten Halle zusammen. Gemeinsam mit dem Publikum wird dann erst mal geklärt: „Söll mer huire in d’Fåsnåcht giah?“ – Übersetzt: Sollen wir heuer in die Fasnacht gehen?

Diese Frage wurde seit Bestehen noch nie mit Nein beantwortet. Nachdem Roller und Scheller larvenlos in die Halle einmarschiert sind, wird der traditionelle Fasnachtmarsch gespielt. Nach einer ersten Besprechung zahlen die Teilnehmer beim Säcklemeister einen Obolus, der Versorgungskosten und Versicherung abdeckt. 

Und dann geht es an das Proben. Insbesondere die Hauptfiguren müssen zwei Mal die Woche ran. Da wird das Schellen (also das Läuten der kleinen, handgeschmiedeten Glocken) geübt, der Gangl an sich und der Roller hüpft sich dabei (anfangs) sicher einen Muskelkater an. Von ihm wird erwartet, dass er auch nach dem Umzug noch auf den Wirtshaustisch springen kann. Sehr zur „Freude“ der Wirte kommt das auch durchaus mal vor.

Der Kitt, der die Imster zusammenhält

Für die rund 500 Teilnehmer ist die Buabefasnacht eine Herzensangelegenheit. Sie proben wochenlang vorher und tragen die Larven aus Zirbenholz voller Stolz. Die handgeschnitzten Kunststücke sind teilweise seit Generationen in Familienbesitz. In der Anschaffung können sie mehr als 500 Euro kosten. Das ist es den Imstern aber wert, denn Fasnacht ist für sie mehr als nur eine Feier für sie. 

Mit ganzem Herzen dabei: Karin Ungericht hat hinter den Kulissen viel für die Fasnacht getan
Mit ganzem Herzen dabei: Karin Ungericht hat hinter den Kulissen viel für die Fasnacht getan
Andy sorgt dafür, dass die Wagen sicher durch die Gassen und Menschenmassen kommen.
Andy sorgt dafür, dass die Wagen sicher durch die Gassen und Menschenmassen kommen.
Rudi Kastner und Kurt Zebisch sind als 
Kassenwarte für die finanziellen Angelegenheiten zuständig.
Rudi Kastner und Kurt Zebisch sind als Kassenwarte für die finanziellen Angelegenheiten zuständig.
Elmar von der Stadtmusik Imst sorgt dafür, dass die Kehlen der Besucher nicht austrocknen
Elmar von der Stadtmusik Imst sorgt dafür, dass die Kehlen der Besucher nicht austrocknen

Die Fasnacht ist der Kitt, der die Imster zusammenhält “, sagt der Obmann des Fasnachtskomitees, Manfred Walter und spricht damit wohl den Einwohnern aus der Seele.

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Quellennachweise:

Homepage der Imster Fasnacht

Gespräche und Erfahrungen vor Ort am 8. Februar 2026

Interview mit dem Obmann des Fasnachtskomitees Hr. Manfred Waltner am 10. Februar 2026

Fotocredits: Ingrid Müller

Musikinstrument Scheissheislebass: (c) Markus Trenkwalder

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