Die Gulabi Gang ist eine Gruppe von Inderinnen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben von Frauen zu verbessern. Im Bundesstaat Uttar Pradesh bekämpfen sie in ihrem Markenzeichen, dem pinken Sari, sowohl Gewalt gegen Frauen als auch Ungerechtheit und Korruption. Dabei verwenden sie neben kommunikativen Mitteln in Härtefällen zusätzlich schon mal ihren Bambusstock.
Uttar Pradesh, 2006. Sampat Pal Devi ist gerade auf dem Nachhauseweg, als sie aus dem Haus eines Nachbarn einen Schreie hört. Bei einem Blick durchs Fenster sieht die junge Frau einen wütenden Mann, der auf seine Ehefrau einprügelt. Sie versucht sich bestmöglich zu schützen und bettelt ihn immer wieder um Gnade an. Sampat kann nicht einfach so zusehen. Sie bittet eine in der Nähe stehende Gruppe von Frauen, ihr zu helfen. Die Inderinnen greifen sich einige Bambusstöcke, „lathis“ genannt und laufen zum Haus. Dort hämmern sie an die Tür und stellen den Mann zu Rede. Überwältigt von der weiblichen Übermacht gibt er klein bei und verspricht, nie wieder Hand an seine Frau zu legen.
An diesem Tag hat Sampat gelernt, dass Frauen gemeinsam einiges bewirken können. Sie beschließt, diese Macht zu nutzen, um das Leben der Bewohnerinnen ihres Landes zu verbessern. Das ist die Geburtsstunde der „Gulabi Gang“. Schnell ist klar, an welchen Missständen die Gruppe arbeiten will. Neben der Bekämpfung von häuslicher Gewalt und Diskriminierung sollen auch Korruption und Kinderehe ein Ende finden.
Sampat hat schon früher Gutes getan.
Die Tochter von Schafhirten hat einen guten Grund für die hochgesteckten Ziele. Sie wurde selbst als kleines Mädchen diskriminiert und musste auf den Feldern arbeiten, statt von Schulbildung zu profitieren. Schreiben und Lesen hat sie gelernt, indem sie die männlichen Schüler täglich nach deren Lehrstoff gefragt hat.
Schon lange vor Gründung der Gulabi Gang hat Sampat versucht, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Mit ihrem „Einfach Fair Unternehmen“ hilft sie 2003 Prema Rambahori, einer Dalit-Frau, ihr eigenes Geschäft aufzubauen. Sie stellt biologische Serviertabletts und Teller aus Blättern her. Das umweltfreundliche Geschirr wird bei Hochzeiten und anderen Veranstaltungen verwendet. Inzwischen sind schon 500 Frauen bei Prema beschäftigt, die bis zu 150 Rupien am Tag bei ihr verdienen.
Einige Jahre später steht Sampat vor der Entscheidung, wie die Frauen ihre Werte am besten repräsentieren sollen. Eine einheitliche Kleidung, eine Art Uniform soll ihren Zusammenhalt verdeutlichen. Da alle anderen Farben schon politischen Parteien zugeordnet sind, fällt die Wahl schließlich auf ein krachendes Pink. Diesem Farbton hat die Gruppierung ihren Namen Gulabi Gang (Pinke Gang) zu verdanken. Der Begriff „Gang“ ist negativ behaftet und könnte einen falschen Eindruck erwecken. Daher ist es Sampat wichtig, Folgendes klarzustellen:. „Wir sind keine Gang im ursprünglichen Sinn, wir sind eine Gang, die für Gerechtigkeit kämpft“.
Repressalien werden bei Zusammenkünften aufgedeckt.
Es werden regelmäßig öffentliche Meetings abgehalten, um den Frauen der Region eine Stimme zu geben. Bei diesen „Chaupals“ wird über Ungerechtigkeit und Gewalt gegenüber den Inderinnen berichtet. Daraufhin wird entschieden, wie am besten dagegen vorgegangen wird. Dabei kommen auch durchaus unorthodoxe Methoden zur Anwendung.
Als sich beispielsweise die örtliche Polizei geweigert hat, eine Anzeige einer Dalit zu bearbeiten, organisierte die Gulabi Gang eine Massendemonstration. Bei einem anderen Vorfall haben sie sogar einige Hunde rosa eingefärbt und sind mit den Tieren in die Polizeistation einmarschiert. Die Vierbeiner seien loyaler und zuverlässiger als die Polizei erklärten die aufgebrachten Frauen den verdutzen Ordnungshütern vor versammelter Presse.
Es kommt immer wieder zu Konflikten mit den Behörden. So gab es schon einen tätlichen Angriff auf Sampat durch einen Ordnungshüter. Den hat die engagierte Frau allerdings erfolgreich mit ihrem Bambusstock abgewehrt. Dadurch und durch andere Situationen, bei denen die Gruppe ihren Lathi eingesetzt hat, wurde ihnen der Stempel „Militant“ aufgedrückt.
Die Frauen im pinken Sari reden erst, bevor sie zum Stock greifen.
Dabei versuchen sie die Konflikte zuerst mit Worten zu lösen. Leider scheitern diese Bemühungen an der matriarchalischen Gesellschaft, die überhaupt im ländlichen Indien Frauen stark unterdrückt. Besonders betroffen sind die Dalit-Frauen. Denn obwohl schon seit 1950 die Diskriminierung der früher als „Unberührbare“ bekannten Dalit verboten ist – in vielen Regionen ist sie noch immer an der Tagesordnung.
2008 hat die Gulabi Gang diesbezüglich gleich doppelt gepunktet. Sie haben eine Schule für etwa 400 Mädchen gegründet. Hier lernen sie Lesen und Schreiben und erhalten Allgemeinbildung. Als Lehrer wurde eine Dalit eingestellt, der von keiner anderen Schule in Betracht gezogen worden war.
Finanziert wird die Organisation, die inzwischen auf geschätzt 40.000 Mitglieder angewachsen ist, durch Spenden. Sie erhalten keine staatliche Unterstützung, obwohl sie wichtige Sozialarbeit leisten. Sie sorgen zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben dafür, dass ältere Frauen ihre ihnen zustehende Rente bekommen. Viele von ihnen können weder schreiben noch lesen, einige haben nicht einmal ein Geburtszertifikat, das ihr Alter nachweist. Durch einen Termin bei einem anerkannten Arzt kann ihr Alter verifiziert und der Rentenantrag ausgefüllt werden.
Inzwischen hat die Gulabi Gang einiges an medialem Interesse auf sich gezogen. Neben einer preisgekrönten Doku „Gulabi Gang“ von Nishta Jain (2012) gibt es noch einen Film (Pink Saris von Kim Longinotto) und ein Buch von Amana Fontanella-Khan „Pink Sari Revolution“. Die viele gemeinnützige Arbeit wurde auch schon mit zahlreichen Preisen honoriert.
Hier können Sie die Frauen in ihrem Kampf unterstützen und sogar selbst ein Mitglied der Gulabi Gang werden.
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Quellen;
https://gulabigang.in/index.php
https://polsci.institute/gandhi-contemporary-world/gulabi-gang-women-vigilantes-uttar-pradesh/
https://allthatsinteresting.com/gulabi-gang
Fotos: Ingrid Müller
Titelbild: Website Gulabi Gang


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