Budapest birgt so einige Geheimnisse. Tief verborgen im Inneren des Bergs im Stadtteil Buda liegt ein richtiger Irrgarten aus Gängen und Höhlen. Seit Jahrhunderten wird dieser Ort von den Einwohnern auf unterschiedlichste Weise genutzt. Bei meiner Reise ins Land von Gulasch und Langos hab ich mich voll ins Abenteuer „Labyrinth von Buda“ hineingestürzt.
Budapest, 32 Grad. Die Sonne brennt runter, während ich mich zwischen einer italienischen Reisegruppe durchzwänge. „E sulla destra c’è il famoso Bastione dei Pescatori“, erklärt eine Reiseführerin mit dem obligatorischen Fähnchen. Sie wird von einem ganzen Schwarm sich lauthals unterhaltender Italienerinnen verfolgt. Auch wenn ich gerne etwas mehr Hintergrundwissen gehabt hätte, ich hatte weder die Zeit noch die Sprachkenntnisse, mich unter die Gruppe zu mischen (was nicht heißt, dass ich so etwas schon mal getan habe). Mein Weg führte mich weg von dem ganzen Trubel, der rund um die Fischerbastei herrschte. Ich hatte ein besonderes, ein „erfrischendes“ Ziel: Das unterirdische Labyrinth von Buda.
Wie immer hatte ich mich auf diesen Städtetrip gut vorbereitet, das dachte ich zumindest. Ich wusste schon im Vorfeld, dass die ungarische Hauptstadt aus den Stadtteilen Buda und Pest bestand. Mir war bekannt, dass eine der Hauptattraktionen die Ruinenbars sind (die werden ihrem Ruf wirklich gerecht: kein Dach, Graffitis an den teils sehr baufälligen Wänden, und die Kletterpflanzen geben dem Ganzen einen Urwaldtouch). Sogar eine ganze To-do-Liste hatte ich mir zusammengestellt. Bis ich vor Ort dann einmal falsch abgebogen bin und plötzlich vor einer steilen, dunklen Treppe stand. Die Flügeltür war nur halb offen und von unten hörte man eine leise Unterhaltung. An der Tür hing ein Flyer: „Eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Budapest: Das unterirdische Labyrinth“.
Nach meinem Abstieg in die Unterwelt inklusive einem Schreckmoment durch einige im Dunklen verfehlte Stufen dauerte es etwas, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Es roch muffig, das schummrige Licht reichte kaum aus, den großen Raum zu beleuchten. Ich stand in einer lang gezogenen Höhle, an dessen Kalksteinmauern einige Informationstafeln zu dem Ort hingen. Nur wenige Meter weiter war der Eingang zum Labyrinth. Es war angenehm kühl, so gegen 15 Grad. Ach, was solls, dachte ich mir, ich mache das jetzt einfach. Laut Aushang dauert der Rundgang ungefähr eine halbe Stunde. Der ältere Ticketverkäufer machte einen etwas unzufriedenen, grummeligen Eindruck. Er musterte mich kurz durch seine Plexiglasscheibe und sagte dann nur „6000 Forint“ (ca. 15 Euro). Ich zückte meine Karte und er schüttelte nur den Kopf. Nur Cash erklärte er mir. Damit hatte sich die Sache für mich erledigt.
Die Geheimnisse unter Budapests Straßen.
Aber nur bis zum nächsten Tag, denn was ich gesehen habe, hat mich fasziniert. Nach ein wenig Recherche fand ich einige interessante Details zu dem naturgeschaffenen Labyrinth. Es verläuft unter dem ältesten Teil Budapests und hat eine sehr bewegte Vergangenheit. Laut Aufzeichnungen aus dem 13. Jahrhundert wurden die Höhlen hauptsächlich für die Lagerung von Getreide und Wein genutzt. Und um dem Steuereintreiber zu ärgern: Die Reichen versteckten nämlich ihre Wertgegenstände in den unterirdischen Gängen.
Im 16. Jahrhundert hatten die Osmanen die Herrschaft über Ofen (heute Budapest). In diesen 145 Jahren waren einige Wohnhäuser direkt mit dem Höhlensystem verbunden. Es war für sie wie ein großer, gemeinsamer Keller. Nachdem das geteilte Labyrinth jedoch immer öfter für Einbrüche genutzt wurde, verschloss man die Zugänge zu den Häusern.
Die türkischen Besatzer waren kreativ bei der Nutzung der Höhlengänge: Sie richteten einen unterirdischen Harem ein, in dem sich aber regelmäßig furchtbare Szenen abspielten. Wenn die „Herrn“ von einem Mädchen genug hatten, warfen sie sie einfach in einen der vielen Brunnen, die sich überall in den düsteren Gängen befinden. Daher findet man dort unten noch immer zahllose Knochen und Schädel. Eine andere Art, die langweilig gewordenen Gespielinnen loszuwerden, war sie einfach einzumauern. Bei Ausgrabungen hat man einige ihrer Skelette in den Wänden gefunden.
In einem Teil des Labyrinths wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieg ein Krankenhaus eingerichtet. Das „Felsenkrankenhaus“ kann man sich auch heute noch bei einem geführten Rundgang ansehen. In den 1940er-Jahren dienten diese Räume zusätzlich als Luftschutzbunker bei eventuellen Flugzeugangriffen. In dem Hospital wurden täglich zwischen 300 und 400 Patienten versorgt. Im Kalten Krieg wurde es dann unter höchster Geheimhaltung zu einem Atomschutzbunker umgebaut.
Einige Jahre später entdeckte unter anderem die GESTAPO die Höhlen für sich. Hier wurden politische Feinde und andere unerwünschte Individuen festgehalten. Viele der Gefangenen wurden in den von der Außenwelt abgeschotteten Höhlen auch grausam gefoltert und hingerichtet.
Aber es gab auch andere, nicht so unmenschliche Verwendungsarten für die unterirdischen Gänge: Für einige Zeit befand sich hier ein riesiges Goldlager! Die ungarische Nationalbank hortete die Goldreserven einige Meter unter der Oberfläche. Seit 1984 kann man sich die Höhlen als Tourist ansehen, nur drei Jahre später wurden sie sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.
Das sollte man sich doch näher ansehen.
Einen Tag später stand ich wieder vor dem Gebäude. Mit 6000 HUF (ungarischen Forint) in Bar stieg ich die unterschiedlich hohen Stufen hinunter. Dafür, dass es eine der meistbesuchten Attraktionen ist, war es sehr ruhig. Unheimlich ruhig. Außer mir schien kein Mensch in dem Irrgarten unterwegs zu sein. Am Beginn stand ich noch in einer großen Höhle, die sich aber schnell in verzweigte. Links, rechts oder halb links? Diese Frage stellte ich mir einige Male an diesem Nachmittag. Als ich schließlich in einen komplett dunklen Gang einbog, bereute ich dieses Abenteuer das erste Mal. Man konnte sich nur durch entlangtasten an der Wand fortbewegen. Ganz allein im stockdunklen, das war nicht meins. Also schummelte ich etwas (an dieser Stelle ein Danke an denjenigen, der eine Taschenlampe ins Handy eingebaut hat).
In den feuchten Höhlen könnte man schon etwas paranoid werden. Man meint, Geräusch zu hören, dabei sind es nur Wassertropfen, die von der Decke auf den Felsboden fallen. War da nicht ein Flüstern? Ich hab mich mehrfach schon fast panisch umgedreht, nur um zu sehen, ob ich tatsächlich alleine war. Als endlich wieder etwas Licht durchdrang, war ich heilfroh. Eine weitere Höhle tat sich auf, diesmal mit einigen Figuren. Und ich hoffte inständig, dass das keine Schauspieler waren, die einen erschrecken. Meine Sorge war unbegründet: Die Figuren waren aus Stein und Wachs. Wie sich herausstellte, waren es ungarische Könige. Im Lauf meines kleinen Abenteuers sah ich noch mehrere Statuen. Angefangen von historischen ungarischen Persönlichkeiten bis zu nationalen Opernstars.
Die Beschaffenheit der Höhle änderte sich immer wieder. Je tiefer ich in das System vordrang, desto höher wurde die Luftfeuchtigkeit. Irgendwann konnte ich den Boden nicht mehr sehen und es wurde stetig schlimmer. Ich stand ehrlich gesagt kurz vor einer Panikattacke, da ich nur noch weißen Nebel sah.
Plötzlich schimmerte etwas durch diese Nebelwand. Als ich mich dem unheimlichen bläulichen Schimmer näherte, lichtete sich der Nebel ein wenig. Ich erkannte eine kleine Figur, einen Wasserspeier, der blau beleuchtet war. Leider fand ich keine Information, was es damit auf sich hatte. Dafür entdeckte ich nur wenige Schritte entfernt eine dunkle Nische. Im Schein der Lampe konnte ich die angebrachte Tafel entziffern. „Prison of Vlad Tepes“.
Einige Stunden später, wieder zu Hause, fand ich folgendes heraus: In einer der Höhlen befindet sich das Gefängnis, in der Vlad Tepes (Vlad III) für einige Zeit gefangen gehalten wurde. Vlad III, oder auch „Der Pfähler“ genannt, war das Vorbild für die Figur Dracula. Der äußerst grausame Herrscher kam 1431 in Transsilvanien (heute Rumänien) zur Welt. Gleich nachdem er den Thron bestiegen hatte, begann er seine Gegner zu pfählen. Er wurde im 15. Jahrhundert von König Matthias Corvinus von Ungarn gefangen genommen und in eine unterirdische Zelle gesteckt. Ursprünglich war Vlad sogar ein Verbündeter von Matthias gewesen, aber er fiel in Ungnade. Er wurde für ungefähr zwölf Jahre in einer Zelle im Labyrinth festgehalten. Sein Gefängnis ist aber beim Besuch des Labyrinths nur zu erahnen:. Sie liegt komplett im Dunklen. Nur ein beleuchteter Wasserspeier markiert den ungefähren Standort. Die Figur soll jeden verscheuchen, der dumm genug ist, sich länger an diesem bösen Ort aufzuhalten. Auf Ansuchen des Herrschers von Moldawien wurde Vlad aus der Gefangenschaft entlassen, starb aber nur ein Jahr später bei einem Kampf. Einige Quellen behaupten, sein in Teile zerschnittener Körper sei in den ungarischen Höhlen begraben worden. Vlads Kopf sei jedoch vor den Toren Konstantinopels (heute Istanbul) als Warnung aufgespießt worden.
All das wusste ich glücklicherweise in dem Labyrinth noch nicht. Es war auch so schon unheimlich genug. Aus der angekündigten Dauer von 30 Minuten war inzwischen knapp eine Stunde geworden. So lange irrte ich durch die 1,5 Kilometer langen, verwinkelten Gänge. Durch Dunkelheit, Nebel, vorbei an Knochen von Gefolterten und Hingerichteten. Kein Wunder, das einige Besucher von unheimlichem Flüstern, Schritten oder Temperaturschwankungen bei der Tour erzählen. Wie gesagt, in dieser Umgebung könnte man paranoid werden.
Als der Ausgang in Sichtweite kam, war ich erleichtert. Als ich die Stufen wieder hinaufgestiegen bin, die Temperatur anstieg und die Sonne mir schließlich ins Gesicht schien, fühlte ich mich, als hätte ich gerade eine „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne hinter mir. Es war definitiv ein Abenteuer.
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Quellen:
https://hungaryunlocked.com/labyrinth-of-buda-castle/
https://budacastlebudapest.com/labyrinth-under-the-castle-hill/
https://historycooperative.org/how-did-vlad-the-impaler-die/
https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Belagerung_von_Ofen_(1684/1686)
https://bookinbudapest.com/de/felsenkrankenhaus-museum-budapest#google_vignette
Eigene Erfahrung bei meinem Besuch am 16. Juni 2025
Foto Credits: Ingrid Müller


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