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Attila der Hunnenkönig – Ein Interview

Der Hunnenkönig oder auch die „Geißel Gottes“, Attila ist unter vielen Bezeichnungen bekannt. Sein Volk hat ihr Reich unter seiner Führer extrem ausgeweitet. Nach einem Raubzug in Italien ist Attila nun zurück im Gebiet von Ungarn. Denn es gibt etwas Wichtiges zu feiern: Der gefürchtete Herrscher heiratet. Aber davor erzählt er uns noch etwas von seinem Leben.

Ungarn, 453 n. Chr. Attila, ein etwas untersetzter Mann mit breiten Schultern, großen Kopf mit verhältnismäßig kleinen Augen, sitzt an einer üppig gedeckten hölzernen Tafel. Sein spärlicher, mit weißen Haaren durchzogenen Bart sieht gepflegt aus. Der Hunnenkönig trägt eine feierliche Kleidung und empfängt mich mit einem erhobenen Becher Wein.

Herzlichen Glückwunsch zur bevorstehenden Hochzeit!

Attila: Danke. Ich freue mich, die hübsche Germanin Ildico zu ehelichen. Auch wenn sie nur eine weitere Frau in meinem umfangreichen Harem sein wird. Die Feier ist zugleich eine kleine Anerkennung für meine tapferen Männer nach einem erfolgreichen Raubzug.

Ihr Ruf eilt ihnen wirklich voraus. Aber wie sind sie denn dazu gekommen, Anführer der Hunnen zu werden?

Attila: Das ist eine lange Geschichte. Früher waren unsere Stämme überall verteilt und unorganisiert. Dann haben meine beiden Onkel Ruga und Octar die Sache in die Hand genommen. Sie haben unser Reitervolk in größere Verbände vereint. Einige Jahre vor meiner Geburt haben sie dann die Gepiden, die Einwohner der von uns besetzten ungarischen Tiefebene, unter unsere Obrigkeit gezwungen. Dadurch haben wir stark an Macht und Einfluss gewonnen.

Im Jahr 410 hat sich mein Volk mit dem Westgotenkönig Alarich vereint und gemeinsam haben wir Rom angegriffen. Ich war als 15-Jähriger vor Ort, als Alarich die zwölf Stadttore blockiert hat und die Bevölkerung ausgehungert hat. Schließlich sind sie eingeknickt und haben 5000 Pfund Gold gezahlt, damit wir abrücken.. Da wusste ich: Das will ich auch mal machen.

Meine Onkel starben innerhalb weniger Jahre nacheinander. Einer ruhmvoll am Schlachtfeld, der andere, Ruga, wurde von einem Blitz getroffen. Nach ihrem Tod kamen mein älterer Bruder Bleda und ich im Jahr 434 an die Macht.

Es war sicher schwierig, als Kind in einer doch sehr gewalttätigen Umgebung aufzuwachsen

Attila: Meine Familie hat getan, was getan werden musste. Schon als Kind wurde ich auf ein Leben am Schlachtfeld vorbereitet. Ich lernte Reiten, bevor ich richtig laufen konnte. Unterrichtseinheiten in militärischer Taktik, Kampftechniken, aber auch diplomatische Verhandlungen waren an der Tagesordnung. Meinem Vater war eine gute Bildung für uns äußerst wichtig. Außerdem habe ich auch mehrere Sprachen gelernt. Latein, Gotisch und ein wenig Griechisch. Das ist allerdings schon etwas eingerostet.

Haben Sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Bruder? 

Attila: Hatten. Er ist schon seit einigen Jahren tot. Es gibt jedoch einige Leute, die der Meinung sind, ich hätte ihn umgebracht. Total lächerlich. Es war ein sehr unglücklicher Jagdunfall. Bleda war ein toller Kerl. Ich bin sehr froh, dass ihm ein Denkmal gesetzt wurde. Sein Name heißt im ungarischen „Buda“. Die Stadt Buda* ist also eine Hommage an ihn. Nach seinem Tod war ich dann alleine für unser ganzes Reich verantwortlich.

Sie regieren auf etwas ungewöhnliche Weise. Sie haben zum Bespiel keine Minister?

Attila: Das stimmt. Die sind meiner Ansicht nach nicht wichtig. Dafür habe ich vertrauenswürdige Feldherrn und militärische Berater. Wenn man viel arbeitet, sollte auch ein wenig Ablenkung vorhanden sein. Daher Heldensänger, die bei unseren Siegesfeierlichkeiten auftreten und Loblieder auf uns singen. Auch einen Hofnarren haben wir.

Werfen wir doch einen Blick auf ihre Erfolge. 

Attila: Oh, da gibt es viele. So haben Bleda und ich im Jahr 441 einige oströmische Hauptstädte geplündert. Danach haben wir 350 Kilo Gold jährlich als Schutzgeld von ihnen verlangt. Eine Win-Win Situation war das. Wir hatten ein geregeltes Einkommen und mussten uns nicht die Hände blutig machen. Die Städte hingegen hatten die Garantie, dass sie sicher waren. Leider klappte das nicht immer so gut. Einmal, das war gegen 446, mussten wir nach Konstantinopel, weil sie einfach nicht mehr zahlen wollten. 

Mit dabei waren damals einige Verbündete zur Unterstützung. Wir sind mit germanischen Stämmen dort eingeritten. Unglücklicherweise kamen wir aufgrund der Größe des Zugs nur langsam voran. So konnten sich die Mösien, Bewohner von Bulgarien, uns in den Weg stellen. Leider konnten wir sie nicht schlagen, aber immerhin zurückdrängen. Ich merke gerade, dass das vielleicht eher ein schlechtes Beispiel war. Aber immerhin sind wir nach Friedensverhandlungen mit knapp 4000 Kilo Gold nach Hause gekommen. Und einem jährlichen Tribut von gut 1000 Kilo.

Im Jahr davor, 445 hatte es bereits Schwierigkeiten mit der Zahlung im Oströmischen Reich gegeben. Man muss da wirklich immer dahinter sein, sonst tanzen die einem auf dem Kopf rum. Übrigens hatte ich damals schon die Kontrolle über mehr als hundert Städte in der Region. 

Das ist äußerst beeindruckend. Wie war denn das damals, im Jahr 451 mit Gallien?

Attila: Oh, das war ein großes Missverständnis. Eine ganz blöde Sache. Wir Hunnen haben uns 450 mit den Römern vereint, um gegen einen immer größer werdenden gemeinsamen Feind, die Westgoten, vorzugehen. Ich hatte mit Valentinian III zu tun, der eine nette Schwester hatte. Honoris. Sie sollte zur Hochzeit mit einem hohen römischen Beamten gezwungen werden und bat mich in einem Brief um Hilfe. Sie legte dem Schreiben einen Ring bei. Natürlich dachte ich da, sie will stattdessen mich heiraten. Wie üblich hab ich die mir zustehende Mitgift, die Hälfte des Reichs, eingefordert. 

Ein Abgesandter von Valentinian III kam zu mir, um die Sache aufzuklären. Aber dieser Diplomat stellte mich als Idioten dar. Er machte mich vor meinen Kriegern lächerlich. Da blieb mir nichts anderes übrig, als sie in die Schranken zu weisen. So bin ich in dem Jahr nach Gallien einmarschiert. Städte wie Straßburg, Mainz, Köln, Tier und viele andere haben wir dem Erdboden gleich gemacht. 

Daher wohl auch das Sprichwort aus der Zeit: „Wo Attila vorbeizieht, wächst kein Gras mehr“

Attila: Da ist durchaus was Wahres dran. Wir haben die Kriegskunst einfach im Blut. Zum Schutz vor Verletzungen tragen wir Lederrüstungen, die wir mit Fett wasserdicht machen. Auch ein Helm gehört zur Standardausrüstung. Unsere speziellen Kompositbögen haben eine hohe Durchschlagskraft und als Reitervolk treten wir in kleineren Gruppen auf. So sind wir flexibler und können schnell und unerwartet zuschlagen. Außerdem verunsichern wir unsere Gegner mit Kampfgeschrei und forschem Auftreten. Meine Lieblingstaktik ist aber, so lange in Deckung zu bleiben, bis der Feind in Reichweite unserer Bögen war. So bleiben die Verluste auf unserer Seite so klein wie möglich.

Sie sagen, Sie verunsichern die Gegner. Das ist ein wenig untertrieben. Hier einige Mythen, die über Ihr Volk kursieren: 

»Die Hunnen kochen oder würzen ihre Speisen nicht. Sie ernähren sich nur von wild wachsenden Wurzeln oder vom rohen Fleisch des erstbesten Tieres, wobei sie das Fleisch auf dem Rücken ihrer Pferde zwischen ihren Schenkeln eine Zeit lang warm reiten. Die Nasen ihrer Kinder drücken sie platt, damit sie besser unter die Kampfhelme passten. Den Säuglingen verätzten sie die Wangen, um Bartwuchs zu verhindern. Und ihre gezielten Pfeilhagel sind sichere Boten des Todes. Sie sind direkt aus den Untiefen der Hölle entstiegen“

Was sagen Sie dazu?

Attila: Davon stimmt fast gar nichts! Das mit dem Pfeilhagel und sicherer Boten des Todes, ja. Aber ansonsten – alles nur boshafte Gerüchte.

Im Juni 451 fand Ihre Siegessträhne auf den katalanischen Feldern ein Ende …

Attila: Das war eigentlich am linken Ufer der Seine, aber zumindest die Gegend stimmt. Es war ein Desaster. Wir sind mit unseren Verbündete, einigen germanischen Stämmen in Gallien auf die Westgoten getroffen. Ich war schockiert, als ich festgestellt habe, dass sie mit den Römern gemeinsame Sache machen. Der römische General Aëtius kämpfte Seite an Seite mit dem Westgoten König Theoderich I. Wir waren mit 200.000 Mann vor Ort, die Gegenseite war ungefähr gleich aufgestellt. Es war eine brutale und äußert blutige Schlacht. Sogar für unsere Verhältnisse. Auf beiden Seiten starben Zehntausende tapfere Krieger. Im Zuge der Kämpfe habe ich festgestellt, dass sich die Schlacht zu unseren Ungunsten entwickelt. Daher habe ich mich mit meinen Männern in das Lager zurückgezogen, um eine neue Strategie auszuarbeiten. 

Gerüchten zufolge sollen Sie aber dort eine Niederlage erlitten haben.

Attila: Das Wort kenne ich nicht. Jedoch habe ich Maßnahmen ergriffen, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen. Schlussendlich war es aber nicht nötig, da die Belagerung durch Aëtius gelöst wurde.

Maßnahmen? Wie haben die ausgesehen?

Attila: Ich habe meine Männer angewiesen, sämtliche Pferdesättel in meinem Zelt aufzutürmen. Wäre der Feind zu nahe gekommen und hätte mich eingekreist, hätte ich die Sättel entzündet und wäre einen ehrenvollen Feuertod gestorben.

Haben Sie irgendwann erfahren, warum die Belagerung gelöst wurde?

Attila: Ich kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht dachte sich der römische General, dass sich ihre Verbündeten, die Westgoten nach unserem Abgang gegen ihn wenden könnten? 

Man könnte meinen, nach diesem traumatischen Erlebnis würden sie eine Pause machen. Immerhin sind sie nur kurz dem Tod entronnen.

Attila: Nein, es ging gleich wieder rauf aufs Pferd. Immerhin musste ich noch die Sache mit Honoris klären. Einen König der Hunnen verspottet man nun mal nicht. Das haben die Bewohner von Italien Anfang 452 deutlich zu spüren bekommen. Mailand, Bergamo, Verona, Padua, Pavia – alles haben wir dort dem Erdboden gleich gemacht. 

Dazu passt auch dieser Bericht eines Augenzeugen:

»Sie waren unter uns, ohne dass wir wussten, woher sie kamen«, schreibt ein Augenzeuge. »In den Brunnen der Götter tränkten sie ihre Pferde. Auf den Stufen der Tempel nahmen sie unsere Frauen. An den Säulen unserer Stadt zerschmetterten sie die Häupter unserer Kinder. Nackt über die Hälse der Pferde geworfen, so verließen uns unsere Töchter. Wir werden sie nie wiedersehen.«

Attila: Das ist durchaus so passiert. Im Krieg darf man nicht zimperlich sein. Wir sind dann weiter Richtung Rom gezogen. Kurz vor der Stadt hat mich dann ein Delegierter des weströmischen Kaisers Valentinian III um ein Gespräch gebeten. Ich war überrascht, dass es sich dabei um den Anführer der Christen, Papst Leo I. gehandelt hat. 

Der Papst wollte mit Ihnen sprechen?

Attila: Er hat mich gebeten, die Ewige Stadt zu verschonen. Er hat tatsächlich versucht, an mein Mitgefühl zu appellieren. *grinst und schüttelt den Kopf* Aber er war wirklich respektvoll. Daher bin ich seiner Bitte nachgekommen. Zumindest habe ich sie in dem Glauben gelassen. In Wahrheit hatten wir schlicht keine Vorräte mehr und meine Männer wurden von Krankheiten heimgesucht. Daher war ein Abbruch der Aktion das einzig richtige.

Das war ihre letzte Schlacht vor der Hochzeit. Haben Sie schon Pläne, wie es weitergeht?

Attila: Dazu kann ich nichts sagen. Man warnt ja seine Feinde nicht vor.

Vielen Dank für das Interview!

Nachtrag: 

Nur wenige Stunden nach unserem Gespräch ist Attila verstorben. Er wurde am nächsten Tag Mittag tot im Brautgemach gefunden. Seine Angetraute Ildico saß schluchzend in der Ecke und starrte nur auf das blutgetränkte Bett, in dem ihr lebloser Mann lag. 

Es gibt viele Spekulationen, was genau geschehen ist. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass er durch Nasenbluten erstickt ist. Das Blut lief in die Luftröhre, da er stark angetrunken auf dem Rücken eingeschlafen war. Eine andere Theorie spricht von einem Attentat durch seine neue Frau. Sie soll ihm Gift eingeflößt haben, um sich wegen der Gräueltaten an ihrem Volk an ihm zu rächen. 

Die Beerdigung hat an einem geheimen Ort stattgefunden. Gerüchten zufolge soll die Zeremonie irgendwo entlang des Flusses Theiß stattgefunden haben. Der Leichnam wurde in drei Särgen beerdigt. Einer aus Gold (für Macht), einer aus Silber (für Reichtum) und einer aus Eisen (für Stärke im Kampf). 

Nur ein Jahr nach seinem Tod erhoben sich die von ihm unterdrückten Völker in einer Revolution. Attilas Son Ellac wurde 454 in der Schlacht von Nedao besiegt und das Reich der Gepiden erlangte seine Unabhängigkeit wieder. Somit war das Lebenswerk von Attila innerhalb kürzester Zeit zerstört.

* Die Stadt wird später mit „Pest“ verschmelzen und als Budapest bekannt werden.

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