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Eine etwas andere WM: Tram gegen Tram

Wenn Straßenbahnfahrer versuchen, mit einem überdimensionalen Ball einige Schaumstoffstangen zu treffen, wenn Teilnehmer aus Brasilien und Schottland freundschaftlich miteinander plaudern und die Fahrzeuge nur Zentimeter an einem Papp-Pärchen vorbeirauschen – dann ist man sich bei der Tram Weltmeisterschaft.

Am 13. September 2025 fanden sich Tausende Zuschauer am Wiener Rathausplatz ein, die sich dieses Event nicht entgehen lassen wollten. Immerhin war es die allerste Tram-Weltmeisterschaft. Mehr als zwanzig Teams aus aller Welt haben sich nichts geschenkt – da wurde mit der Straßenbahn Gas gegeben, gebremst und geschoben, was das Zeug hielt. 

Die Tram Fahrer sind schon vor mehr als zehn Jahren gegeneinander angetreten.

Das Konzept, das Können der Tramfahrer durch verschiedene Aufgaben auf die Probe zu stellen, gibt es bereits länger. Die erste Tram-Europameisterschaft fand 2012 in Dresden statt. Zehn Nationen haben bei dem Event teilgenommen und vor 30.000 Zuschauern um den ersten Platz gekämpft. Gewonnen hat damals übrigens Budapest. Seitdem findet der Wettbewerb jährlich statt, aber eine Weltmeisterschaft gab es noch nie.

Diese Freunde aus Melbourne und Montreal feuerten Australien an
Die Ukraine bekam auch viel Unterstützung bei der WM

Zehn Jahre, nachdem Wien die Tramfahrer 2015 schon einmal bei der Europameisterschaft auf die Probe gestellt hatte, wurde nun hier die erste WM veranstaltet. Die insgesamt 25 Teams aus sechs Nationen haben sich in acht unterschiedlichen Disziplinen gemessen. 

Einen Tag lang konnte vor Ort geübt werden.

Damit alle Teilnehmer die gleichen Chancen hatten, konnten die Fahrer einen Tag mit den Wettbewerbstrams üben. Immerhin waren die Steuerung, das Bremsverhalten und die Anordnung der Schalter im Vergleich zu den Straßenbahnen zu Hause anders. Einige der Teams haben dennoch schon fleißig daheim geübt, wie zum Beispiel die Teilnehmer aus der Ukraine. Mehr als zwei Monate haben sie vorab in Kiew trainiert. Dabei hatten die Fahrer mit einer Berufserfahrung von 15 bzw. 18 Jahren die besten Voraussetzungen für einen Platz am Stockerl.

Was mussten die Teilnehmer denn alles machen?

Es gab aber auch Wettbewerbe, bei denen alle Erfahrung nichts half. Darauf zwei Meter hohe Pins mit einem 1,5 Meter großen Ball zu attackieren, bereitet einen das alltägliche Fahren nicht vor. Da hilft nur Üben. Das „Bowling“ war bei einigen Teams der Lieblingswettbewerb. Besonders gefürchtet war der „Exakte Stop“. Beim Anhalten an einer festgelegten Stelle zählte jeder Zentimeter. Hier hielten nicht nur die Fahrer die Luft an, wenn genau nachgemessen wurde. Wie weit ist die Mitte der zweiten Tür von der Zielposition entfernt?

Beim Bowling ging es zum Zielgenauigkeit
Bloß nicht das Wasser verschütten!

Beim „Stop & Go“ wurde an der Tram ein wassergefülltes Gefäß angebracht. Der Fahrer musste durch besonders behutsames Anfahren sicherstellen, dass möglichst wenig Wasser verschüttet wurde. Ein gutes Augenmaß war beim „Zielbremsen“ gefragt. Hier musste die Straßenbahn präzise innerhalb der Bodenmarkierungen zum Stehen gebracht werden.

Das Team aus Brasilien
Die Teilnehmer aus der Ukraine
Algerien war auch vertreten
Das Team Schottland
Die Teilnehmer aus Italien

Ein guter Teamgeist war besonders beim „Rückwärtsfahren“ gefordert: Während einer der beiden Fahrer das Steuer übernahm, war der Partner außen und signalisierte mittels Trillerpfeife, wie weit der Stop entfernt war. Je kurzer die Abstände zwischen den Pfiffen, desto näher war das Ziel. Es erinnerte etwas an das Warnsystem im Auto, wenn eine Kollision kurz bevorsteht. Ein tanzendes Papp-Pärchen spielte beim „Seitlichen Abstand“ eine große Rolle. Basierend auf den Anweisungen des Fahrers wurde von seinem Teammitglied die Figur seitlich neben dem Gleis platziert. Die Straßenbahn fuhr dann daran vorbei: Je weniger Abstand, desto besser. Berührt oder gar umgefahren werden durfte das Pärchen selbstverständlich nicht. 

Mit genug Schwung landete die Draisine im Ziel.
Dies Papp Figur spielte eine wichtige Rolle.

Die Fahrer mussten außerdem ihre Geschwindigkeit richtig einschätzen und für zwanzig Meter möglichst konstant 25 km/h fahren. Der Tacho war dabei natürlich verdeckt. Feingefühl war besonders beim „Curling“ gefordert. Eine Fahrraddraisine wurde von der Tram angeschoben und musste innerhalb eines markierten Bereichs wieder zum Stehen kommen. Und all das passierte auch noch unter Zeitdruck. Nach Beendigungen der Aufgaben sprinteten die Fahrer zum knallroten Zielknopf. 

Es gab zwei Durchgänge.

Die internationalen Teams traten einmal vormittags und ein weiteres Mal nachmittags gegeneinander an. Somit hatte jeder der beiden Teilnehmer die Möglichkeit, sein/ihr Bestes zu geben. Neben tausenden Zuschauern vor Ort verfolgten über 50.000 Leute das Event per Livestream. 

Gegen fünf Uhr Nachmittag standen dann die Gewinner fest: Den ersten Platz hat sich das Tram Dream-Team aus Österreich (Wien) gesichert. Elisabeth Urbanitsch und Florijan Isaku von den Wiener Linien haben den Sieg geholt. Gleich dahinter kam Polen (Poznań) und Bronze ging an Norwegen (Oslo). 

Nächstes Jahr haben die Fahrer die Möglichkeit auf eine Revanche: Dann findet eine Tram EM in Warschau statt.

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Quellenangaben:

https://tramwm.wienerlinien.at/

https://www.tramwm.com/blog/informationen-zur-tram-wm-in-wien

Eigene Erfahrungen und Interviews am 13. September 2025 in Wien

 

Fotos: Ingrid Müller

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