Einige Menschen sitzen in Kostümen in einer Kulisse. Hinter ihnen ist ein Kamin aufgebaut, es sind rustikale Holzbänke zu sehen und unter ihnen liegt ein weißer Teppich.

Wenn Sailor Moon auf einen Hobbit trifft: Cosplay

Cosplay (= costume play) wird oft belächelt, aber die Anhänger dieses Rollenspiels werden stetig mehr. Die meisten haben ihre Liebe zur Kostümierung durch das Lesen von Mangas für sich entdeckt. Aber Cosplay ist viel mehr als nur das Tragen eines bestimmten Outfits.

Auf der Gamescom in Köln gibt es ein extra „Cosplay Village“. Hier kommen Leute zusammen, die sich für einige Stunden verwandelt und in eine völlig andere Welt eintauchen wollen. Auf Nachfrage erzählen mir die meist weiblichen Anhänger, dass ihr Freundeskreis sie so akzeptiert, wie sie sind. Sie haben keine Ausgrenzung erfahren. Etwas anders sieht es da bei den Männern aus. Gerade die Cosplay-Szene mit ihrer extrem umfangreichen Palette an Charakteren ist eigentlich genderneutral. Dennoch scheint sich der Großteil der männlichen Cosplayer ein wenig zu verstecken. 

Wo kommt Cosplay her?

In Japan wurde mit dem Darstellen von Figuren der Anime Szene schon in den späten 1970ern und frühen 1980ern begonnen. Inzwischen werden von Fans nicht nur Figuren aus den Comicbüchern nachgeahmt. Film- und Serienfiguren werden ebenso verkörpert wie die Helden aus Videospielen und Animes. (Falls sich jemand nach dem Unterschied zwischen Anime und Manga fragt: Manga sind die Comichefte, Anime die Verfilmung davon) . Heutzutage gibt es weltweit sehr viele Events, bei denen die Cosplayer ihre Leidenschaft voll ausleben können.

Diese Passion ist viel aufwendiger, als die meisten Außenstehenden glauben. Wenn man sich mit einer Figur identifiziert, muss man erst mal an das passende Kostüm kommen. Die gibt es für die bekanntesten Charaktere zu kaufen, allerdings lieben es die Cosplayer, eine persönliche Note hinzuzufügen. Da werden auch durchaus schon mal Teile des fertigen Outfits umgeschneidert. So manch talentierter Fan näht sich sogar sein komplettes Kostüm selbst. Einige arbeiten auch mit einem 3D-Drucker, um sich dazu passende Accessoires wie Hörner zu kreieren. 

Zu den allermeisten Kostüm gehört eine passende Perücke und „Props“, Requisiten. Was wäre ein Magier ohne seinen Zauberstab? Um voll in die Rolle einzutauchen, wird auch noch viel Geld und Zeit in passendes Make-up investiert. Auch das Tragen von farbigen Kontaktlinsen ist durchaus üblich. Am Ende ist die Metamorphose vollzogen: Man glaubt fast, vor Zelda, Sailor Moon oder Frodo zu stehen.

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Cosplay-Events sind wie ein Familientreffen.

Jeder, der in der Szene aktiv ist, kann es bestätigen: Cosplay verbindet die Menschen. Über die Jahre wachsen Freundschaften, man tauscht sich aus und spricht über die Neuheiten in der Community. Hier bleibt niemand lange alleine. Das liegt vielleicht auch am Stempel, den die Player noch immer von der Gesellschaft aufgedrückt bekommen: Einige Leute sehen sie als eigen, skurril und nerdig an. Daher geht es in der Szene umso warmherziger zu. Auch wenn die Stereotypen langsam abgebaut werden, bis die großteils erzkonservative Kritiker die „Einhörner“ in ihrer Welt akzeptieren, braucht es noch etwas.

Um beim Cosplay erfolgreich zu sein, sollte man so einige Fähigkeiten haben. Hier trifft talentierte Näherin auf begnadeten Make-Up Artist und der Technik Freak mit seinem 3D Drucker kommt mit Organisationstalenten zusammen. Denn auch das ist wichtig, um keines der zahlreichen Events zu verpassen. Zu den größten im deutschsprachigen Raum zählen: Dokomi, Animagic, Connichi, Gamescom und Cosday in Deutschland. Vienna Comic Con (Österreich) und die Japanimanga Night (Schweiz). Das ist natürlich nur ein kurzer Auszug.

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Was machen die Teilnehmer überhaupt?

Beim Cosplay geht es um Sehen und gesehen werden. Man lernt sich gegenseitig kennen, knüpft Freundschaften und Kontakte. Immer wieder werden die aufwendigsten Kostüme fotografiert und dann auf Social Media geteilt. Es gibt auch immer wieder Wettbewerbe, bei denen das authentischste Aussehen prämiert wird. In Japan findet regelmäßig der „World Cosplay Summit“ in Nagoya statt. Man könnte es als „WM der Cosplay Szene“ bezeichnen. So wird die teilweise monatelange Arbeit an den aufwendigen Outfits zumindest etwas honoriert. Einige Leute in der Szene haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und lassen andere auf Social Media an ihrem Leben teilhaben. Durch Werbeeinnahmen können sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Der Großteil der Cosplayer macht es jedoch zum Spaß. Sie leben ihr Hobby aus und schlüpfen für einen Nachmittag buchstäblich in eine andere Haut. 

Überraschend ist, dass sich die Teilnehmer so sehr mit ihrer Figur eins fühlen, dass sie sogar Verhaltenscharakteristika ihres Charakters übernehmen. Da wird plötzlich mit anderer Stimmlage gesprochen, die Gestikulation ändert sich und aus einem eher schüchternen Besucher wird ein zwei Meter, vor Testosterion sprühender Rächer mit unglaublichem Selbstbewusstsein. Die Liebe zu „ihrem“ Charakter geht bei einigen sogar unter die Haut: Manche Cosplayer haben ein passendes Tattoo zu der Figur, mit der sie sich am meisten identifizieren.

Luca
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Die Community habe ich als sehr aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit kennengelernt. Man unterstützt sich gegenseitig und auch Neulinge in der Szene werden mit einem Lächeln begrüßt. Von dieser Mentalität könnte so mancher sich einiges abschauen.

Fehlt Ihnen etwas? Vermissen Sie die Pop Ups und Werbeeinblendungen? Die sind extrem nervig, deswegen verzichte ich hier darauf. Ich möchte Sie um Unterstützung für freien Journalismus bitten, damit das auch so bleiben kann. Danke! 

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