Früher glaubte man, man würde von der Erdscheibe fallen, wenn man zu weit raus segelt. Früher glaubte man, Hexen würden die Ernte vernichten. Früher glaubte man, die Pest würde von Ratten übertragen werden. Früher glaubte man, Homosexualität sei eine psychische Krankheit. Heute wird noch immer versucht, Homosexuelle mittels Konversionstherapie zu „heilen“.
Bei der Konversionstherapie oder auch „Reparativtherapie“ wird durch unterschiedlichste Methoden versucht, die angeborene sexuelle Orientierung (alles andere als Heterosexualität) zu ändern. Das kann zu psychischen Problemen führen, die sogar in Suizidversuchen enden können. Wer jetzt denkt, das würde nur irgendwo in Amerika stattfinden, der irrt. So bietet laut Informationen der Kleinen Zeitung beispielsweise das Hagiotherapie-Zentrum in Graz diese Form der Behandlung an.
Der Ursprung der Konversionstherapie liegt schon im 19. Jahrhundert. 1869 kam das Essay „Das konträre sexuelle Empfinden“ des Berliner Psychiaters und Neurologen Carl Westphal heraus. Aufgrund dieses Werkes beschäftigten sich viele Mediziner und Psychologen mit der Frage nach der Entstehung von Homosexualität und einer möglichen „Heilung“ dafür.
Wie läuft eine Konversionstherapie ab?
Der Ablauf ist sehr unterschiedlich. Gleich ist, dass die Einrichtungen sich jedoch als Retter und Helfer sehen, die eine „Heilung des Geistes“ der Betroffenen erreichen wollen. Dabei sind die durchführenden Personen in vielen Fällen keine ausgebildeten Psychotherapeuten und wissen somit nicht, welchen psychischen Schaden sie mit ihrer „Behandlung“ anrichten.
Laut dem Erfahrungsbericht einer verdeckten Ermittlung in dem Therapiezentrum in Graz sollte sie erst durch Meditation herausfinden, was richtig und was falsch sei. Es wurde ihr geraten, sich von ihrem Freundeskreis zu distanzieren und sich stattdessen einer Gemeinschaft mit Sektencharakter anzuschließen. Außerdem sollte der Lockvogel ihre sexuelle Orientierung verdrängen. Statt sich auf den gebrochenen Teil in ihr (ihre Homosexualität) zu konzentrieren, sollte sie ihren Fokus auf das Gesunde richten.
Es gibt jedoch noch viel extremere Beispiele für Konversionstherapien. So wird von einigen Opfern dieser Behandlung von körperlicher Gewaltanwendung oder Essensentzug berichtet. Auch das Einreden von Schuldgefühlen oder Gehirnwäsche gehört zu den gängigen Praktiken.
Verschiedene Arten von Konversionstherapie
Die Vereinten Nationen teilen die Behandlung in drei Kategorien ein.
– Psychotherapeutische
– Medizinische
– Glaubensbasierte
Dem psychotherapeutischen Ansatz liegt zugrunde, dass die Betroffenen durch Erfahrungen zu ihrer Sexualität gekommen sind. Daran könnte eine Trennung der Eltern, das Fehlen eines Elternteils oder zu wenig Liebe und Anerkennung vonseiten der Erziehungsberechtigten die Schuld tragen. Als Therapie wird hier häufig die Aversionstherapie angewendet. Bei dieser Behandlung soll ein negatives – für den Patienten jedoch als positiv wahrgenommenes – Verhalten geändert werden. Das geschieht unter anderem auch durch Schmerzsignale, wodurch die Mitglieder der LGTBQIA- Gemeinschaft von bestimmten Denk- und Verhaltensmustern abgehalten werden sollen.
Einen anderen Weg geht die medizinische Form der Konversionstherapie: Hier versucht man die sexuelle „Störung“ durch Medikamente oder sogar Operationen zu korrigieren. Laut globalcitizen.org gibt es diesbezüglich Berichte aus China, wo Elektroschocks zur Behandlung eingesetzt wurden. In Indien setzt die Medizin laut UN auf Hormontherapie zur „Heilung“ der Betroffenen.
Wieder andere Methoden zur Korrektur gibt es in der glaubensbasierten Kategorisierung. Hier wird den Betroffenen das Fehlen von Moral vorgeworfen. Sie werden geschlagen, beschimpft, sexuell missbraucht und in extremen Fällen wird auch ein Exorzismus vorgenommen.
Schon seit mehr als dreißig Jahren gilt Homosexualität nicht mehr als psychische Störung.
Die Weltgesundheitsorganisation stuft die Liebe zum gleichen Geschlecht bereits jahrzehntelang nicht mehr als mentales Problem ein. Dennoch werden noch immer Tausende Menschen einer mehrere Studien zufolge unnötigen „Therapie“ unterzogen. Der Großteil der Betroffenen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Durch diese Behandlung können lebenslange psychische und physische Schäden entstehen. Alkoholmissbrauch oder andere Suchterkrankungen, Schwierigkeiten mit dem Selbstwert, Depressionen und Angstzustände sind keine Seltenheit nach Konversionstherapien.
Die versuchte Änderung von sexueller Orientierung ist bereits in vielen Ländern verboten. Schon seit 1991 gilt Homosexualität vonseiten der WHO nicht mehr als psychische Störung. Acht Jahre später hat Brasilien als erstes Land weltweit die Reparativtherapie verboten. Seitdem sind viele Nationen nachgezogen, unter anderem in Deutschland, Kanada, Mexiko, Frankreich, Taiwan, Ecuador, Israel und zuletzt in der Schweiz (November 2025).
Es gibt auch kritische Stimmen bezüglich eines Konversionstherapieverbotes. So schreibt beispielsweise die von dem „Institut für Ehe und Familie“ betriebene Plattform gender.at, dass ein Verbot von Konversionstherapien in Österreich obsolet sei. „Das Psychotherapiegesetz regelt psychotherapeutische Behandlungen ausreichend“. Es wird auch die Kehrseite eines Verbotes auf der Website aufgezeigt. Hier wird kritisiert, dass ein Verbot auch die Begleitung einer konflikthaft erlebten Sexualität miteinschließend würde. Das Recht auf Therapiefreiheit und Selbstbestimmung würde so eingeschränkt werden.
Konversionstherapie hat es auch auf die große Leinwand geschafft.
Immer mehr Filme beschäftigen sich mit diesem Thema. Zu den bekanntesten zählt der Netflix Dokumentarfilm „Pray Away“. Aber auch der preisgekrönte Film „The Therapy“ (2021) oder „Der verlorene Sohn“ (2018) geben einen guten Einblick in die Thematik. Auf der Berlinale feierte das Werk aus Guatemala „Temblores“ (Erschütterungen) Premiere und wurde dort sehr gefeiert.
Damit auch in Zukunft die Artikel hier Werbefrei und Pop-Up frei bleiben, unterstützen Sie bitte freien Journalismus. Danke!
Quellenangaben:
Diplomarbeit über Konversionstherapie von Salonida Reinmund an der Universität Wien vom Oktober 2015
https://swiss-lgbtiq-panel.ch/wp-content/uploads/2022/02/factsheet_konversionstherapie_de.pdf
https://www.globalcitizen.org/de/content/what-is-conversion-therapy-lgbtq/
https://mh-stiftung.de/wp-content/uploads/Gutachten-Prof.-Dr.-med.-Peer-Briken.pdf
https://gender.at/konversionstherapie/#1685902012276-decf8c41-5a07
Fotos: Von der Wiener Pride Parade 2024, gemacht von Ingrid Müller


Add a Comment